Aussteiger:innen aus dem Literaturbetrieb - Teil 4

Kaleidoskop der Gründe

9. Juli 2026
Börsenblatt Serie

Einen klaren Auslöser für seinen Ausstieg kann Thilo Reffert nicht ausmachen. Welche Gründe dennoch zu seinem Quereinstieg geführt haben, beschreibt er im vierten Teil unserer Serie über Aussteiger:innen aus dem Literaturbetrieb.

Ein Foto von Thilo Reffert

Thilo Reffert

Warum habe ich mit dem Schreiben aufgehört? Es gab viele Gründe. Keiner reichte hin, aber zusammen hat’s gelangt.

Anlässe, nicht Auslöser

2020 Corona. Kultur nicht systemrelevant. Schales Gefühl nach tausend Sonntagsreden von ihrer Unverzichtbarkeit; naiv genug, es geglaubt zu haben. Aber ein Grund aufzuhören? Ein Anlass vielleicht.

Schreiben war immer meine Arbeit, mein Handwerk, nie meine Berufung. Ich war nie ein bedingungsloser Schriftsteller. Ich schrieb nur zehn magere Jahre durch, bis zehn fette kamen. Ein Grund aufzuhören? Eine Möglichkeit immerhin.

Ob im Radio, auf der Bühne oder bei einer Lesung – für mein Publikum war ich nach einer Stunde wieder weg: ein Ein-Stunden-Spaßmacher in anschwellendem Lärm. Und Teil davon, oh ja. Ein Grund aufzuhören. Oder schlechtgelaunte Selbstwahrnehmung.

Was braucht das Schreiben, um wahrgenommen zu werden? Den Kulturbetrieb oder den Markt. Der Markt ist marktförmig, der Kulturbetrieb kulturbetriebsförmig, beide erwarten vom – selbstverständlich – freien Künstler die Einhaltung ihrer Regeln. Aber ein Grund aufzuhören? Ach.

Es gab viele Gründe. Keiner reichte hin, aber zusammen hat's gelangt.

Thilo Reffert

Verlässlichkeit für drei Kinder

Wenn das Schreiben einen nicht ernährt, bleibt Brot-Arbeit: Mit einem Nebenjob an der Tiefziehmaschine fehlen plötzlich zwei Tage Schreibzeit pro Woche. Für Einzelne mag das Episode bleiben, im Ganzen droht eine Entprofessionalisierung; Autor im Nebenberuf // Arno Schmidt lässt grüßen. Aber deshalb aufhören? Eher im Gegenteil.

Unsere Kinder, drei, sollen ohne Schulden erwachsen werden. Da braucht es verlässliche Eltern-Einnahmen. Das Geld für Lehrer (und Lehrerinnen wie meine Frau) kommt direkt vom Land, aufs pünktlichste. Auf ihre Bezüge war immer Verlass, auf meine Tantiemen und Honorare nicht. Mein Jahreseinkommen konnte sich halbieren, auch vor Corona. Ah, ein richtiger Grund.

Denn wenn ich morgen nicht schreibe ... na und? Aber wenn ich morgen nicht unterrichte, fehle ich.

Thilo Reffert

Ein Escherbild und die Hoffnung

In den Zehnerjahren hörte ich von Älteren: Früher war mehr Lametta, mehr Auflage, mehr Wiederholungen, mehr Nachspiele. Die damalige Gegenwart meines Schreibens ist heute selbst ein Früher, von dem ich ahne, dass es besser war, als es heute ist. Ein Grund? Ein Escherbild.

Ein letzter Grund, mehr eine Hoffnung: Ich dachte, wenn ich Kinder länger als die erwähnte eine Stunde begleite, würde ich zwar viel weniger Kinder erreichen, aber bei diesen wenigen viel mehr. Deshalb haben meine Klassen heute das Alter meines Publikums damals. Erfüllt sich diese Hoffnung? Ich hoffe.

Der fliegende Wechsel

Der Ausstieg ging dann rasend schnell. Auch weil der (Quer-) Einstieg so schnell möglich war, ein fliegender Wechsel. Oh, noch ein Grund! Beworben im April, eingestellt im Juli. Nie bereut. Denn wenn ich morgen nichts schreibe ... na und? Aber wenn ich morgen nicht unterrichte, fehle ich. Den Kindern vor allem. Ungeschriebene Texte fehlen ihnen nicht.

Über den Autor

Thilo Reffert, geboren 1970, zapfte 2009 die eigene Familiengeschichte an: Sein O-Ton-Hörspiel "Die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle“ wurde 2010 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden geehrt. Für "Nina und Paul“ erhielt er 2011 den ARD-Kinderhörspielpreis und 2013 den Mülheimer KinderStückePreis. 2020 wechselt er in den Schuldienst und legte 2024 die Staatsprüfung in den Fächern Deutsch und Mathematik ab.