Aussteiger:innen aus dem Literaturbetrieb - Teil 3

Spoiler: Ich bin jetzt Zugbegleiterin

2. Juli 2026
Börsenblatt Serie

Die Coronapandemie hat die Karriere der Comicautorin Kathrin Klingner ausgebremst. Wie es für sie nach dem Lockdown weiterging und was sie jetzt beruflich macht, erzählt sie im dritten Teil unserer Serie über Aussteiger:innen im Literaturbetrieb.

Ein Porträtfoto von Kathrin Klingner

Kathrin Klingner

Neue Realität Corona

Die Coronazeit wurde der Anfang vom Ende meiner Karriere als Comicautorin. Mein letztes Buch erschien im März 2020, direkt vor dem ersten Lockdown. In kompletter Fehleinschätzung der Lage postete ich in den sozialen Medien die Stationen meiner anstehenden Lesereise und beendete Mails mit "Sehen uns bei der Buchmesse!“

Dann schlug die neue Realität ein und als freiberufliche Eltern zweier Kleinkinder fragten wir uns sorgenvoll, wovon wir jetzt leben würden. Finanziell wurde es dann nicht so ein großes Desaster wie erwartet. Wir bekamen beide eine einmalige Förderung der Behörde für Kultur und Medien und ich dazu noch Unterstützung aus einem Fonds für abgesagte Lesungen. Alles in allem: Wir kamen über die Runden.

Aber es war ein nächtliches Kopfkarussell in Gang gesetzt worden, irgendwann zwischen dem offiziellen Label "nicht-systemrelevanter Beruf“ und dem ersten Auftauchen des Ausdrucks "die KI trainieren“.

Aus dem Tritt gekommen

Früher, als ich jünger und noch kinderlos war, waren Zukunftsängste einfach an mir abgeprallt. Jetzt dachte ich darüber nach, wie die nächste große gesellschaftliche Krise wohl ausgehen würde für die Leute, die sich mit Aufträgen durchwursteln und nebenbei an ihren Projekten arbeiten, nichts zum Zurücklegen haben und auf die auch kein Erbe wartet. Leute wie mich.

Ich hatte nie etwas anderes gemacht und das auch nie in Frage gestellt. Aber mit der Pause, die der Lockdown mit sich brachte, war ich aus dem Tritt gekommen und es begann die Außenansicht und das Aufrechnen.

Ich hatte nie etwas anderes gemacht und das auch nie in Frage gestellt. Aber mit der Pause, die der Lockdown mit sich brachte, war ich aus dem Tritt gekommen und es begann die Außenansicht und das Aufrechnen.

Kathrin Klingner

Meine Bücher verkauften sich nicht besonders gut. Nicht total schlecht, aber auch nicht so, dass man davon leben konnte. Die Veröffentlichungen waren aber eine Art Eintrittskarte für interessante Aufträge: Eine Zeichnung für eine Krimiserie, einen Workshop in einer Schulklasse, Lektorat für Comicdebüts, ein Lehrauftrag für ein Semester. Das alles machte mir Spaß.

Deshalb dauerte es noch, bevor ich das Autorinnen-Dasein endgültig loslassen konnte. Immer wenn ich begann, über einen Berufswechsel nachzudenken, kam eine neue Anfrage, zu der ich nicht nein sagen konnte.

Endloses Warten

Es folgten außerdem noch die jährlichen Bewerbungsrunden für Stipendien und Preise und ich wartete monatelang auf die Juryentscheidungen. Ich konkurrierte um eine Professur in Teilzeit, der Hauptgewinn, wenn man in einem so wenig einträglichen Feld wie Comics abgesichert sein will. Nachdem der Berufungsprozess sich aber schon über ein Jahr hingezogen hatte, wurde das ganze Verfahren abgesagt. Es gab einen Formfehler und es sollte eine neue Ausschreibung geben.

Nach dem Warten auf das Ende der Pandemie ging das Warten einfach weiter: Warten auf Aufträge, auf Antwort, auf die neue Ausschreibung. Ich hatte keine Geduld mehr. Ich gab "Quereinstieg“ in eine Suchmaschine ein und plötzlich nahm alles ein Tempo auf, das sich richtig anfühlte und keine Zeit für Grübelei ließ. Ich wurde von Recruitern angerufen, es folgten Bewerbungsgespräche, Eignungstests. Ich kam in eine Ausbildungsklasse, musste wahnsinnig viel lernen und hatte plötzlich einen Beruf. Einen Beruf, von dem ich vorher wenig wusste und für den ich mich nach Bauchgefühl entschieden hatte. Glücklicherweise war es die richtige Wahl.

Nach dem Warten auf das Ende der Pandemie ging das Warten einfach weiter.... Ich hatte keine Geduld mehr.

Kathrin Klingner

Viele Bekannte aus dem Comicumfeld dachten, ich sei auf einer Art Undercovermission und wolle für ein neues Buch recherchieren. Einmal wurde ich gefragt, ob meine Uniform Cosplay sei.

Comics habe ich tatsächlich ganz aufgegeben. Vielleicht werde ich mich an ein neues Buch setzen, wenn die Kinder mal aus dem Haus sind. Aber eher so, wie andere Eltern das "Empty-Nest-Syndrom“ mit einem Haustier oder einem Ehrenamt bekämpfen. Nicht mehr als wichtige Einkommensquelle oder selbstständige Arbeit. Ich könnte mir vorstellen, dass ich dann wieder Spaß daran hätte.

Über die Autorin

Kathrin Klingner, geboren 1979 im Odenwald, studierte freie Kunst in Amsterdam und Illustration in Hamburg. Sie veröffentlichte die Comicbücher "Katze hasst Welt“ und "Über Spanien lacht die Sonne“ bei Reprodukt und war zuletzt in den Anthologien "the future is…“ bei Carlsen und dem Fettes-Brot-Songcomic "Schwule Mädchen Sondereinheit“ vertreten. Sie unterrichtete Storytelling an der HAW in Hamburg und betreute verschiedene Comicveröffentlichungen als Redakteurin. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Trickfilmer Marlin van Soest, und ihren zwei Kindern in Hamburg. Seit 2024 arbeitet sie hauptberuflich als Zugbegleiterin.