Aussteiger:innen aus dem Literaturbetrieb - Teil 2

Sechs Gründe für den Ausstieg

25. Juni 2026
Börsenblatt Serie

Schreiben ohne Zwang, ohne Veröffentlichungsdruck und ohne finanzielle Abhängigkeit: Tobias Hülswitt schildert seine Gründe für den Ausstieg aus dem Literaturbetrieb und skizziert die Bedingungen für eine Rückkehr. Teil 2 unserer Reihe zu Aussteiger:innen aus dem Literaturbetrieb.

Ein Porträtfoto des Autors Tobias Hülswitt, in einem pinken Shirt und dem Blick nach rechts

Tobias Hülswitt

Schreiben ohne Veröffentlichung

Was ich sagen kann, ist, dass ich nie ganz aufgehört habe zu schreiben. In besonderen Situationen schreibe ich noch. Als ich vierzig wurde beispielsweise, schrieb ich einen Roman mit dem Titel "40“. Ich mag ihn, Anke Stelling mag ihn und meine Freundin mag ihn auch. Und ich werde ihn nie veröffentlichen.

Warum bin ich dann aus dem Literaturbetrieb ausgeschieden? Ich bin nicht sicher, ob ich das für den Rest meines Lebens getan habe, und ich weiß auch nicht genau, ob das mehr mit dem Betrieb oder mit mir selbst zu tun hat. Das Ganze ist recht komplex:

Zwischen Nähe und Zwang

1. Schreiben war mich für mich immer Segen und Zwang zugleich. Zwang bis zur Zwanghaftigkeit. Das hatte mit schwierigen Kindheitsjahren zu tun, die ich mithilfe des Schreibens verarbeiten konnte, was aber gleichzeitig dazu führte, dass ich fortwährend in meinem Kopf alles, was mir begegnete, in Sätze zu packen versuchte, immer auf der Suche nach dem mot juste. Zwanghaft, pausenlos. Niemand möchte das.

2. Das Schreiben, das ich gut kann, ist so nah an meinem Leben, dass sich zu viele Leute darin wiedererkennen, manche fänden das gar nicht lustig. Früher war mir das egal. Heute nicht mehr.

Was ich sagen kann, ist das ich nie ganz aufgehört habe zu schreiben.

Tobias Hülswitt

Produktionsdruck und Ästhetisierung

3. Nach meinem ersten Buch hätte ich ganz entspannt 10 Jahre warten sollen, bevor ich ein zweites schrieb. Mein Lektor sagte mir damals, alle zwei Jahre sollte ich schon eines vorlegen, und leider hielt ich mich daran. Was dazu führte, dass ich versuchte, Literatur zu verfassen. Eine grässliche Falle, ich glaube für alle Schreibenden. Das würde ich heute nicht mehr tun.

4. Irgendwann stellte ich fest, dass Schreiben unter anderem bedeutet, Lebensprobleme ästhetisch zu lösen. Und damit meine ich: nur ästhetisch. Eine befreundete Autorin erzählte mir einmal, dass sie ein ganzes Jahr lang versuchte, ihre Beziehung zu retten, indem sie einen Roman darüber schrieb. Am Ende merkte sie, dass sie mit ihrem Exfreund dieses ganze Jahr über kein einziges Wort gewechselt hatte.

Das Schreiben, das ich gut kann, ist so nah an meinem Leben, dass sich zu viele Leute darin wiedererkennen. 

Tobias Hülswitt

Existenz und ökonomische Realität

5. Irgendwann merkte ich, dass meine Existenz und mein Schreiben so eng verwoben waren, dass ich sagen konnte: "Ich schreibe, also bin ich.“ Was im Umkehrschluss hieß, dass ich nicht war, wenn ich nicht schrieb. Das wollte ich nicht. Ich wollte – wie alle anderen – auch dann existieren, wenn ich nicht schrieb. Heute weiß ich, dass ich zu hundert Prozent da bin, auch wenn ich nicht schreibe. Darauf bin ich ziemlich stolz.

6. Ich habe einfach nicht genug Geld damit verdient. Ich musste mir andere Einnahmequellen erschließen. Irgendwann reichte die Energie nicht mehr für beides.

'Ich schreibe, also bin ich.'
Was im Umkehrschluss hieß, dass ich nicht war, wenn ich nicht schrieb.

Tobias Hülswitt

Bedingungen für eine Rückkehr

Wie ich mir einen Literaturbetrieb vorstelle, in den ich zurückkehren würde? Erstens müsste er mich überhaupt wieder aufnehmen. Zweitens müsste ich mir sicher sein, dass ich nur schreibe, was ich wirklich schreiben will und aus mir selbst heraus schreiben muss. Das war nicht immer so in Zeiten, in denen ich unter dem Druck des Marktes schrieb. Und meine finanzielle Sicherheit dürfte nicht vom Verkauf abhängen. Aber auch nicht von Literaturförderung.

Über den Autor

Tobias Hülswitt, geboren 1973 in Hannover, publizierte zwischen 2000 und 2019 neun Bücher für Kinder und Erwachsene, Sachbücher, Romane und Lyrik. Er war u.a. Stipendiat der Villa Autora (2007) und Stadtschreiber von Kairo (Goethe Institut, 2002). Seit 2022 arbeitet er als festangestellter E-Learning-Spezialist in der Erwachsenenbildung.