"Wie wollen wir leben?" (9)

"Hast du Zeit oder hat sie dich?"

30. Januar 2021
von Börsenblatt

Nach den Erfahrungen der vergangenen Monate ist die Frage "Wie wollen wir leben?" drängender denn je. Welche Denkanstöße dazu in Frühjahrsnovitäten zu finden sind, zeigen wir in einer Folge, die auch Anregung für einen Büchertisch sein kann. Die heutige Antwort kommt von Vivian Dittmar, die sich mit ihrer Be the Change-Stiftung für kulturellen Wandel engagiert (Kailash).

Vivian Dittmar

Der folgende Textauszug stammt aus Vivian Dittmars Buch "Echter Wohlstand – Warum sich die Investition in inneren Reichtum lohnt", das am 22. März im Kailash Verlag erscheint.

"Die Idee, dass Zeit ein Besitztum ist und dass es möglich ist, zu viel oder zu wenig davon zu haben, hat sich tief in unsere Psyche eingegraben. Sie hat unseren Umgang mit Zeit gravierend verändert und zwar dahingehend, dass Zeitarmut in unserer Gesellschaft die Norm und nicht die Ausnahme ist. Und wer wirklich viel Zeit hat, um mal in dieser seltsamen Logik zu bleiben – der Arbeitslose zum Beispiel oder der Greis –, empfindet sie oft als Qual. Wenn wir den Satz »Ich habe keine Zeit« einmal genauer betrachten, sehen wir, dass dieser in enger Verwandtschaft mit einem ganz ähnlichen Satz steht: »Ich habe kein Geld.« Wie komme ich zu dieser Aussage? Geld ist, im Gegensatz zur Zeit, eine Erfindung des Menschen. Und Geld hat einige Merkmale, die der Zeit fremd sind, die wir jedoch unbewusst auf die Zeit übertragen haben. Geld ist eine fiktive Größe, die messbar und vor allem akkumulierbar ist. Wir können es horten, theoretisch bis ins Unendliche. Und wir können es verlieren.

Zeit hingegen ist zwar in gewisser Hinsicht messbar, sie ist aber nicht akkumulierbar. Wir können sie nicht sammeln. Anders als die grauen Herren im Roman Momo dem armen Gigi suggerieren, können wir Zeit nicht sparen. Sie vermehrt sich nicht auf einem Konto, wenn wir möglichst sparsam mit ihr umgehen, und wir verlieren sie auch nicht, wenn wir es mal so richtig krachen lassen.

Das Erleben von Zeitwohlstand erschließt sich also nicht durch Beschleunigung, sondern durch das genaue Gegenteil. Was Zeiterleben betrifft, ist weniger mehr. Entschleunigung, Verlangsamung, das Zulassen von Leerlauf sind jene Bewegungen, die ein bewusstes Erleben von Zeit erst ermöglichen. Und sie sind unserer Kultur sehr fremd geworden. Es gehört ja schon zum guten Ton, keine Zeit zu haben! Wer Zeit hat, ist offenbar nicht wichtig. Er weiß nicht, wie er sich gut einbringen kann in den permanenten Kampf um das perfekte Leben. Er ist abgehängt und ausgeklinkt. Wer wichtig ist, hat keine Zeit, ist fortwährend eingespannt und ausgebucht, angefragt und überbeansprucht.

Ein Gefühl von Wohlstand entsteht, wenn wir erleben, dass genug von etwas da ist, ohne zu viel zu sein. Die weit verbreiteten Zeitvertreibe zeigen, dass wir neben unserem permanenten Kampf um ausreichend Zeit zugleich auch Angst davor haben, sie könnte uns zu viel werden. Daher vertreiben wir sie mit Zeitvertreiben. Doch was geschieht, wenn wir die Zeit weder vollstopfen oder ausnutzen noch verscheuchen? Wenn wir sie einfach da sein lassen? Zum Beispiel in diesem Moment, da du diese Worte liest. Tust du dies eilig, um möglichst schnell möglichst viel aus diesem Buch herauszuholen? Gibt es einen Teil von dir, der sich ständig fragt, ob du deine Zeit vielleicht besser nutzen könntest? Oder bist du froh, dass es deine Aufmerksamkeit bindet und du dich gerade nicht fragen musst, was du als nächstes tun könntest?

Wie wäre es, das Buch für einen Moment zur Seite zu legen und einfach mal nichts zu tun? Nicht nachdenken über das, was ich gesagt habe, keine Handynachrichten checken, keinen Tee kochen, sondern einfach mal nichts. Findest du das eine angenehme Idee oder eine völlig absurde? Wäre es Zeitverschwendung oder ein Genuss?

Meine Erfahrung mit Zeitwohlstand ist, dass er sich zunächst über genau solche Lücken im geschäftigen Alltag erschließt. Es sind diese Lücken, die ein direktes, bewusstes Erleben von Zeit ermöglichen. Und in diesem direkten Erleben von Zeit geschieht das direkte Erleben von Leben."