Auf einem Friedhof war Jaroslav Rudiš zuletzt vor einigen Wochen, als er im mittelböhmischen Nymburk (Nimburg an der Elbe) in der dortigen Brauerei las. Der Stiefvater Bohumil Hrabals war Direktor der heute noch prosperierenden Bierbrauerei Nymburk; Hrabal lebte viele Jahre in der idyllischen Stadt nur etwa 40 Kilometer nordöstlich von Prag. "Dort wird tolles Bier gebraut nach alten Regeln. Keine zehn Kilometer von der Brauerei entfernt liegt der große tschechische Schriftsteller Bohumil Hrabal auf einem Dorffriedhof begraben". Rudiš hat ihn besucht und ihm einige Zeilen aus seinem neuen Roman "Wo die Toten sprechen" vorgelesen, in denen es um ihn und um sein Grab geht. "Ich habe dann dort noch mit ihm ein Bier getrunken, das ich vom Brauereishop Nymburk mitgebracht hatte."
Jaroslav Rudiš definiert seinen neuen Roman in der Tradition von "Winterbergs letzte Reise" (Luchterhand, 2019) als schräge Liebesgeschichte, Reisegeschichte und Liebeserklärung an die mitteleuropäische Literatur. Übernachtet hat er zwar noch nie auf einem Friedhof (was seine Helden Lorenzo, Caspar und Miss Detroit regelmäßig tun), aber er besucht manche Gräber mehrfach. Allen voran das von Hrabal, aber oft auch das von Karl Kraus, Thomas Bernhard und vielen anderen: "Es geht um viel mehr, als das Grab einfach zu besuchen. Wenn man sich dort an die Autoren und an die Menschen erinnert und an ihre Texte, dann gibt es keinen besseren Ort, um den Schriftstellerinnen und Schriftstellern näher zu kommen. Ich bin nicht der einzige, der das macht. An Hrabals Grab liegen immer wieder zerfledderte Bücher von ihm. Das sind Besucher, die ihm dort vorlesen und ihm seine Bücher als Abschiedsgrüße überlassen." Rudiš weiß, dass das auch an anderen Gräbern toter Dichter passiert. Er selbst empfindet an solchen Orten eine tiefe Verbindung zu den Verstorbenen. Ohne Hrabal, ohne Kafka wäre Rudiš nicht Schriftsteller geworden, er spürt ihnen immer wieder nach – in Büchern und im richtigen Leben.
Auf Friedhöfen gibt es drei Jahreszeiten für die Lebenden und eine Jahreszeit für die Toten, heißt es in Rudiš‘ Roman: "Das hat mir eine Friedhofsgärtnerin erzählt. Bevor ich anfange zu schreiben, höre ich den Menschen immer wieder lange und gerne zu. Ich bin wie ein Schwamm und sauge unbekannte Weisheiten auf", sagt Rudiš. Er sieht sich in der Tradition Hrabals stehen: "Ich bin kein Schriftsteller. Ich schreibe auf. So etwas wie mit den Jahreszeiten könnte ich nie erfinden. Das ist übrigens in Bamberg passiert, als ich Gräber von Bamberger Braumeistern besuchte. Wenn man sich an den Gräbern trifft, sind die Menschen nicht mehr tot, sie leben."
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