Auf einen Espresso mit … Alice Horáčková

"Was passiert mit der Wahrheit?"

9. Oktober 2026
Nicola Bardola

In "Das geteilte Haus" erzählt Alice Horáčková von belasteten Familiengeschichten, zwei Identitäten und verdrängten Geheimnissen. Im Gespräch berichtet die tschechische Autorin von überraschenden Entdeckungen, der wachsenden Neugier junger Leser:innen und einer neuen Aufmerksamkeit für tschechische Stimmen.

Alice Horáčková am Diogenes-Stand auf der Frankfurter Buchmesse

Alice Horáčková am Diogenes-Stand auf der Frankfurter Buchmesse

Preisgekröntes Werk

Die in ihrer Heimat mehrfach preisgekrönte Autorin und Kulturjournalistin Alice Horáčková hat tschechische und deutsche Wurzeln – die sie in ihrer Familiensaga "Das geteilte Haus" (Diogenes) thematisiert. Dass die langjährige Suche nach der persönlichen und privaten Wahrheit nun in Romanform so viele Menschen interessiert, überrascht sie.

Familienfragen

2026 ist nicht Alice Horáčkovás erste Frankfurter Buchmesse, aber so intensiv wie in diesem Jahr hat sie Deutschland noch nie erlebt. Am Dienstag war sie in Göttingen, eine Station ihrer zurückliegenden und auch noch bevorstehenden langen Lesereise. Von dort ging es mit dem Zug nach Prag und am Donnerstag mit dem Flugzeug nach Frankfurt am Main. "Die interessanteste Etappe bisher war Furth im Wald. Dort habe ich im Rahmen der grenzüberschreitenden Veranstaltungsreihe '80 Jahre Vertreibung' mit Studenten diskutiert, die mehrheitlich wie ich aus 'geteilten' Familien stammen. Sie wollten ganz exakt wissen, wie ich meinen Vater und meinen Onkel und viele andere befragt habe, um die Geheimnisse zu lüften." Horáčková weist darauf hin, dass die Zahl der interessierten Leser:innen immer größer werde; Enkel und Urenkel von Vertriebenen würden unbefangener und neugieriger mit der Vergangenheit umgehen. Sie würden Fragen stellen nach ihren Familien, die damals für die Deutschen zu wenig deutsch und für die Tschechen nicht richtig tschechisch waren.

Mitläufer in der Familie

Horáčková ist beeindruckt, wie sehr in Furth im Wald die Erinnerungskultur gefördert werde und wie stark Migration und Versöhnung dort thematisiert würden. "Durch die Grenzstadt Furth im Wald kamen 1945 und 1946 durch den kleinen Bahnhof Hunderttausende von Menschen. Daran wird mit Ausstellungen und vielen Veranstaltungen gedacht." Der 800-seitige Roman "Das "Geteilte Haus" war in Tschechien ein Bestseller, aber Horáčková erhält mehr Post von deutschen Leser:innen als von tschechischen. "Sie erzählen mir von ihren eigenen Schicksalen und wollen noch mehr Details von meinem erfahren." Dazu gehört auch der Moment, in dem Horáčková auf alten Schwarzweiß-Fotografien zum ersten Mal Fotos von ihrem Großvater sieht, auf denen die Abzeichen der Wehrmacht herausgeschnitten worden waren. "Ich war damals überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass jemand aus meiner Familie ein Mitläufer war. Und sein Onkel  war nicht nur Mitläufer. Er stand in der Hierarchie weit oben und hat eine jüdische Textilfabrik fast umsonst bekommen. Das war ein Schock für mich."

Was passiert mit der Wahrheit?

Manche Fragen kann Horáčková bis heute nicht mit Gewissheit beantworten. Hat ihr Großvater Selbstmord mit Zyankali begangen oder wurde er zu Tode geprügelt? "Es ist wahrscheinlicher, dass er Suizid begangen hat. Im Lauf der Recherchen musste ich aber feststellen, wie schwierig es ist, verlässliche Dokumente zu finden. Was passiert mit der Wahrheit? Eine glaubwürdige und verlässliche Chronik des Heimatdorfs meines Großvaters muss erst noch geschrieben werden. Denn vieles wurde von den jeweiligen Machthabern gelöscht, vernichtet oder umgeschrieben. Neue Chronisten schreiben jeweils anders, schreiben ihre eigenen Geschichten."

Eine Sternstunde für die tschechische Literatur

Ihr Roman "Das geteilte Haus" begann als persönliche Reise, als journalistische Recherche, als private Wahrheitssuche. Dass Horáčková die Ergebnisse schließlich in Romanform erzählen würde, hat sie selbst überrascht. Zurzeit arbeitet sie an einer Fortsetzung. Dass Tschechien Gastland in Frankfurt sein darf, bezeichnet Horáčková als "eine Sternstunde für die tschechische Literatur" und als "große Chance". Als Journalistin war sie schon vor 20 Jahren auf der Buchmesse; damals interviewte sie für tschechische Medien deutschsprachige Autor:innen wie Elfriede Jelinek, Hans Magnus Enzensberger oder Peter Handke. Tschechien als Gastland sei damals noch in weiter Ferne, ein Traum gewesen. "Deutsche Verlage hatten früher eher wenig Interesse an tschechischer Literatur. Ich denke, das hat sich jetzt nachhaltig geändert."

Die Vulgarität in der Politik nimmt zu

Horáčková will in ihrem Roman nicht so sehr die historischen Wendepunkte darstellen. Sie interessiert sich mehr für die Entwicklungen, die dahin führen. Ändern die machtvoller werdenden Ideologien alles oder gehen sie einher mit Mentalitäten, die schon da sind? "Ich habe den Roman nicht als einen politischen geschrieben, bin aber überrascht, wie politisch er gelesen wird. Wir erleben gerade, wie die Freiheiten in Tschechien Schritt für Schritt eingeschränkt werden. Die unbequemen Journalisten dürfen nicht zu den offiziellen Pressekonferenzen und man kämpft gerade heftig um das Fernseh- und Rundfunkgesetz. Die Regierung will die Freiheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einschränken. Die Vulgarität in der Politik nimmt zu, nicht nur in Tschechien. In der Slowakei ist es derzeit viel schlimmer." Trotzdem würde sie jetzt keinen Gegenwartsroman schreiben können. "Ich brauche Abstand zum Geschehen."

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