Auf einen Espresso mit … Iva Procházková

"Das muss eine Demokratie aushalten"

11. Oktober 2026
Nicola Bardola

Am Revers trägt Iva Procházková den Button "CULTURE IN DANGER": Im Gespräch sorgt sich die tschechische Autorin um die Zukunft der Kulturförderung. 

Die tschechische Schriftstellerin Iva Procházková auf der Frankfurter Buchmesse 2026

Die tschechische Schriftstellerin Iva Procházková 

Die Hallen sind so voll, dass das Treffen mit der Kinder- und Jugendbuchautorin Iva Procházková etwas abseits des Messegeländes stattfindet, nämlich in der Nähe des Saals Harmonie. Dort war Procházková am Vortag zur Verleihung des Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreises: "Ich saß im Publikum und ich habe es genossen. Es war sehr harmonisch im Saal Harmonie", schmunzelt die 73-Jährige, die bereits 1989 den Jugendliteraturpreis für "Die Zeit der geheimen Wünsche" gewann und 2008 mit "Die Nackten" nominiert war. Dass in diesem Jahr Jutta Richter für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet wurde, freut sie sehr: "Meine Kinder haben ihre Bücher gelesen. Ich schätze sie sehr, wir sind ja praktisch Altersgenossinnen, und die Auszeichnung ist mehr als gerechtfertigt." Richters Angebot, dass sie in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen in Schulen honorarfrei lesen will, findet Procházková vorbildlich: "Das ist ein wichtiges Angebot. Gerne mehr davon.“

Culture in Danger

Procházková trägt den Ansteck-Button "CULTURE IN DANGER". "Den tragen hier auch meine Kolleginnen und Kollegen aus Tschechien. Wir Schriftsteller wollen damit ausdrücken, dass wir mit der Kulturpolitik in unserem Land nicht einverstanden sind. Zumindest was die aktuelle Wahlperiode betrifft." Natürlich könne sich das in drei Jahren ändern. "Aber ich glaube, es ist immer wichtig, dass die Menschen sich unmittelbar melden und deutlich machen, dass sie solchen Entwicklungen kritisch gegenüberstehen: Ich finde es nicht in Ordnung, dass die Förderung der Bibliotheken in Tschechien gekürzt wird." Besonders kleinere und regionale Bibliotheken seien auf diese Unterstützung angewiesen. "Wenn solche Fördermittel wegfallen, kann das ihre Arbeit erheblich erschweren und langfristig auch ihre Existenz gefährden." 

Kultur braucht mehr als einen Messehöhepunkt

Die tschechische Literatur sei zwar für die Frankfurter Buchmesse großzügig unterstützt worden, aber es sei jetzt schon klar, dass das Engagement stark abnehmen werde. "Solche Höhepunkte wie hier als Gastland sind toll, aber die Förderung muss kontinuierlich stattfinden. Andernfalls wird die Aufmerksamkeit für unsere Arbeit im Ausland rasch abnehmen", befürchtet Procházková. Schon vor der Buchmesse habe es Stimmen gegeben, die deutlich protestiert hätten. "Dadurch werden dann nicht nur einzelne Menschen schikaniert. Es geht auch um Themen wie Identitätssuche, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, Diskriminierung oder gesellschaftliche Ausgrenzung, die in der Kinder- und Jugendliteratur zunehmend unter Druck geraten könnten. Ich bin gespannt, wie das im nächsten Jahr weitergeht – ich mache mir diesbezüglich große Sorgen."

Demokratie muss Widerspruch aushalten

Procházková erinnert an schwierige Zeiten in der deutsch-tschechischen Geschichte. In diesem Jahr habe erstmals der Sudetendeutsche Tag in Brünn stattgefunden: Auch wenn in der tschechischen Öffentlichkeit das Treffen überwiegend positiv aufgenommen worden sei, hätten sich einzelne Politiker im Vorfeld dagegen ausgesprochen und versucht, es zu verhindern. "Das muss eine Demokratie aushalten. Das muss gewaltfrei diskutiert und geklärt werden", so Procházková. Konservative Strömungen hält sie in ihrer Heimat aber nicht für so besorgniserregend wie in Deutschland. "Bei uns ist es nicht so ausgeprägt wie in Regionen in Deutschland, die von der AFD dominiert werden. In Tschechien sind die Strömungen eher populistisch und weniger ideologisch geprägt."

Autorin Iva Procházková mit ihrem Roman "Jojo, elf und ein Viertel"

Autorin Iva Procházková mit ihrem Roman "Jojo, elf und ein Viertel"

Lesen lernen braucht Zeit und Unterstützung

Als Kinder- und Jugendbuchautorin beschäftigt sich Procházková seit Jahrzehnten auch mit Leseförderung: "Die neue PISA-Studie ist alarmierend. Die Kinder in Tschechien haben zwar besser abgeschnitten als die Kinder in Deutschland. Aber auch bei uns hat die Lesefähigkeit im Vergleich zur letzten Studie abgenommen", stellt Procházková fest. Sie fordert mehr individuelle, private Initiativen vor allem in Schulbibliotheken. "Wenn die Kinder in der vierten Klasse nicht sinnentnehmend und flüssig lesen können, dann wird es danach sehr schwierig." Procházková fordert, dass Eltern, Großeltern, Bibliothekarinnen in Rente, einfach alle Beteiligten die Kinder beim Lesenlernen fordern und fördern. "Kinder müssen sich an das Lesen gewöhnen. Wenn sie später immer noch über Wörter stolpern, dann haben sie keine Lust mehr auf Texte. Das Lesen muss eine Zeitlang einfach konsequent geübt werden." Die Leseentwicklung der Kinder müssten vom gedruckten Buch ausgehen.

"Elf ist so ein tolles Alter"

Zur Messe ist ihr neuer Kinderroman "Jojo, elf und ein Viertel" (ab 10, Ueberreuter) erschienen. Jojo ist ein kreativer elfjähriger Prager Junge, der Rap-Texte schreibt, malt, mit Graffiti experimentiert und unkonventionell über die Welt nachdenkt. "Elf ist so ein tolles Alter. Die Kinder sind noch offen. In der siebten und achten Klasse ändert sich das dann allmählich", weiß Procházková. Ihr Held sei fast schon außergewöhnlich, denn er habe keine wirklichen Probleme, oder sei sich zumindest gar nicht bewusst, dass er welche haben könnte, da er dem Leben sehr positiv begegne. Als im Roman die Lehrerin jedoch ein Projekt ankündigt, bei dem die Schüler:innen ohne Scheu über ihre Probleme sprechen sollten, werde genau das für Jojo plötzlich zum Problem. „Aber dann verliebt er sich bei seiner Problemsuche. Und mit der Liebe kommen die Probleme“, so Procházková. Die Schriftstellerin zitiert beim Abschied den Prager Schriftsteller Arnošt Lustig: "Bücher sind Brücken vom Tier zum Menschen. Lesen bedeutet sich zu vermenschlichen."

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