Interview mit Kerstin Hämke

"Trend zur Zweitgruppe": Wie Corona die Lesekreise verändert

18. Juni 2020
von Isabella Caldart

Warum ist gemeinsames Lesen so populär – und wie kann man zu Pandemiezeiten remote über Bücher diskutieren? Lesekreis-Expertin Kerstin Hämke, Betreiberin der Website mein-literaturkreis.de, gibt Empfehlungen und hat noch einen coolen analogen Tipp: den postal book club.

Durch Corona sind neue digitale Angebote aufgekommen, die von vielen Menschen auch wahrgenommen werden, vom Sportkurs bis zur Clubnacht. Erlebt die Onlinevariante der Lesekreise ebenfalls einen solchen Zulauf?

Man muss da unterscheiden zwischen ursprünglich physischen Lesekreisen, die nun eine Möglichkeit suchen, sich digital auszutauschen, und den Online-Lesekreisen, die es schon vor Corona gab. Ich selbst habe vor drei Jahren einen Leseclub auf Facebook gegründet. Ich wollte sehen, ob auf anspruchsvoller Ebene online ein Gespräch aufkommt. Das Angebot wurde ziemlich gut angenommen. Aktiv diskutieren rund 50 Personen mit, es lesen aber sehr viel mehr die Bücher. Und ja, in den letzten Wochen ist die Anzahl der Menschen, die in die Gruppe aufgenommen werden wollen, gestiegen - vor allem sind die Leute aktiver in der Diskussion. Der Vorteil ist, dass man vorher entscheiden kann, ob einen der Titel interessiert, und dass man eine eigene Zeit dafür definieren kann, zu der man mitmachen möchte. Eigentlich lesen wir ein Buch pro Monat. Im Mai wurden aber erstmals zwei Bücher diskutiert: "Deine Juliet" von Mary Ann Shaffer und Annie Barrows und "Die Pest" von Camus. Einerseits weil die Nachfrage so groß ist, andererseits, weil einige ein Buch passend zur Situation wollten, wohl auch als Vehikel, andere aber etwas Positives zur Ablenkung suchten.

Sie sprechen auf Ihrer Website mein-literaturkreis.de von 70.000 (physischen) Literaturkreisen im deutschsprachigen Raum. Wie kommen Sie auf diese hohe Zahl?

Es existieren leider keine verlässlichen Zahlen, weil es in Deutschland, anders als in den USA oder Großbritannien, kaum Forschung zu diesem Thema gibt. Studien besagen, dass in den USA 500.000 Lesekreise, in Großbritannien 50.000 bis 60.000 Lesekreise existieren, jeweils mit einem Durchschnitt von zehn Teilnehmern. Für meine Schätzung habe ich verschiedene Quellen verwendet, etwa online gesucht – öffentliche Lesekreise, die zum Beispiel in Kirchen oder von der VHS organisiert werden, findet man leicht – und Befragungen gemacht. Außerdem sind etwa zwei Drittel privat organisiert. Diese Zahlen habe ich hochgerechnet. Dazu eine Anekdote: Ich wohne in Bad Honnef, einer Stadt mit 25.000 Einwohnern – und kenne allein hier 20 Gruppen, die sich regelmäßig treffen.

Was ich ganz neu aus den USA kenne - das sind "postal book clubs". Solche postalischen Lesekreise sind eine sehr charmante Idee.

Kerstin Hämke

Welche Varianten des gemeinsamen virtuellen Lesens gibt es? Welche Plattformen würden Sie empfehlen?

Hier stellt sich die Frage: Soll der virtuelle Lesekreis Ersatz für den physischen Kreis, der sich im Moment nicht treffen kann, oder soll er dauerhaft online sein? Es gibt die Variante auf Instagram mit Posts, unter die jeder seine Meinung schreibt. Oder die Leserunden bei LovelyBooks, da schreibt auch jeder, wie er das Buch fand. Eine Diskussion kommt dabei aber nicht auf. Bei Facebook gibt es einige Gruppen. Die meisten lesen kapitel- oder seitenweise und diskutieren dann über die Stellen, was mir persönlich nicht so gefällt. Wie soll ich über ein Buch sprechen, das ich noch nicht beendet habe? Es gibt auch Verlage, die Lesegruppen auf Facebook betreiben, wie #backlistlesen von Diogenes oder die Buchcommunity von DuMont. Wer nicht persönlich mit anderen zusammenkommen kann oder will, hat aber darüber hinaus auch analoge Möglichkeiten. Was ich ganz neu aus den USA kenne, ist der "postal book club".

Ein postalischer Lesekreis?

Genau. Dahinter verbirgt sich eine Gruppe von meist sechs Personen, die sich zusammentun (sie müssen sich nicht kennen) und sich jeweils ein Buch aussuchen. Zu dem Buch kauft jede und jeder ein Notizbuch, in das man seine Meinung schreibt. Nach zwei Monaten schickt man das gelesene Buch und das Notizbuch an die nächste Person, und so geht das reihum. Am Ende bekommt man sein eigenes Buch und das Notizbuch mit sechs verschiedenen Meinungen zurück. Was für eine kreative und charmante Idee! Und jetzt gibt es natürlich noch die Video- und Telefonkonferenzen ursprünglich physischer Clubs.

Welche Vor- und Nachteile hat man da im Vergleich zu „richtigen“ Treffen?

Video- und Telefondiskussionen klappen erstaunlich gut. Es ist für die Kreise, die sich sonst physisch treffen, natürlich kein Ersatz, aber doch eine gute Alternative. Es gibt Leute, die das sogar besser finden. Der Nachteil ist, dass die meisten Zoom nutzen, wo eine Konferenz nach 40 Minuten abbricht, was nicht für eine Diskussion reicht. Man müsste also Geld in einen Business-Account investieren. Außerdem gibt es bei vielen Unsicherheit mit der Technik. Andere haben aus beruflichen Gründen schon so viele Videokonferenzen, dass ihnen das im privaten Umfeld zu viel wird. Und die Diskussion erfordert eine ganz bestimmte Art der Disziplin. Aber wie gesagt: Prinzipiell wird das extrem positiv aufgenommen. Einige Lesekreise treffen sich jetzt online sogar häufiger und diskutieren andere Themen, etwa über Literaturverfilmungen.

Auch in Videokonferenzen kann man für eine gemütliche Diskussionsatmosphäre sorgen - und gemeinsam anstoßen.

Haben Sie spezielle Tipps für Videodiskussionen?

Vor dem ersten Mal sollte man die Technik mit allen üben, außerdem ein bisschen Zeit für Smalltalk einplanen, vielleicht eine halbe Stunde. Die meisten kennen sich ja schon länger, da kann man vor der Diskussion gerne erzählen, wie es einem in der aktuellen Situation geht. Außerdem sollte es einen Moderator geben. Auch ein Zeitrahmen ist empfehlenswert - und man sollte den Laptop und nicht das Smartphone nutzen. Übrigens kann man auch in Videokonferenzen für eine gemütliche Diskussionsatmosphäre sorgen. Ein Beispiel: Ich habe eine private Gruppe, mit der wir uns eigentlich abwechselnd treffen und die jeweilige Gastgeberin kocht. Als wir uns das erste Mal über Zoom gesehen haben, hat uns diejenige, bei der das Treffen gewesen wäre, vorher Pakete geschickt oder vor die Haustür gelegt. Darin waren Nudeln, eine fertige Arrabbiata-Soße, Prosecco, selbstgemachter Nachtisch und ein Brief von ihr. Das war toll! Das muss man natürlich nicht immer machen, aber gemeinsam anstoßen geht auch am Laptop.

Lesekreise sind eine hochinteressante Zielgruppe für Verlage.

Kerstin Hämke

Wieso gibt es so ein großes Interesse an Buchclubs? Was macht den Reiz des gemeinsamen Lesens aus?

Jemand, der gerne singt, geht in den Chor, jemand, der Sport macht, in einen Sportverein – aber was macht jemand, der gerne liest? Durch Lesekreise hat man die Möglichkeit, das Hobby mit anderen zu teilen, hat Gesellschaft und lernt neue Bücher kennen, die man sonst nicht gefunden hätte. Außerdem gibt es so die Möglichkeit, die eigene Meinung mitzuteilen und in den Diskussionen andere Sichtweisen zu bekommen.

Welche Form der Diskussion bevorzugen Sie? Persönliche Begegnung oder Facebook-Gruppe?

Ich habe keine Präferenz. Der Trend geht zur Zweitgruppe, es gibt hier kein Entweder oder. Viele gehören einem physischen Lesekreis und einer Facebookrunde an. Das ist auch jetzt möglich: Wer für Zoom-Runden wenig übrig hat, der kann eine kleine private Facebook-Gruppe gründen. Damit ist man zeit- und ortsunabhängig. Denkbar ist auch, das Angebot mit Google Docs zu kombinieren, wo man vorher gemeinsam Anregungen, Themen und Ideen sammelt, die die Gruppe dann auf Facebook diskutiert.

Haben Online-Lesekreise andere Wünsche an Verlage?

Einige Verlage haben bereits Ansprechpartner für Lesekreise. Hanser, Diogenes oder dtv präsentieren auf der Webseite sogar Bücher der Backlist und stellen den Lesekreisen Material zur Verfügung - etwa Hintergrundinformationen zu Buch, Autor oder Übersetzer oder Fragen für die Diskussion. Lesekreise sind eine hochinteressante Zielgruppe - und die Verlage müssen sich überlegen, wie sie diese am besten ansprechen können.

Wie vier Lesekreise mit den Herausforderungen der Corona-Krise umgehen - das lesen Sie im Börsenblatt-Spezial Belletristik, das am 11. Juni erschienen ist (Heft 24).