Die Laudation zum Kurt-Wolff-Preis

"Mit Büchern den Wahnsinn der Welt bändigen"

23. März 2026
Redaktion Börsenblatt

Am 20. März wurde auf der Leipziger Buchmesse der Kurt-Wolff-Preis 2026 an die Edition Tiamat (Hauptpreis) und Starfruit Publications (Ehrenpreis) vergeben. Die Laudatio auf die Verleger Klaus Bittermann und Manfred Rothenberger hielt Mara Delius, Herausgeberin "Literarische Welt". Wir geben sie hier im Wortlaut wieder. 

Verleger Klaus Bittermann, Edition Tiamat

Verleger Klaus Bittermann, Edition Tiamat

"Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Preisträger, lieber Manfred Rothenberger, lieber Klaus Bittermann,

wer an diesem Freitagmorgen im März einen Blick auf die Bestsellerliste wagt, dem bietet sich ein erstaunliches Bild: An erster Stelle steht "Alt genug" von Ildikó von Kürthy, eine, wie es heißt, "Feier der Kraft der Lebensmitte". Dahinter folgt "Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pasta und Limoncello", eine, so die Kurzbeschreibung, "heilsame Geschichte für alle, die oft zu viel geben und sich selbst endlich wiederfinden wollen".

Und dann ein "Vitamin- und Nährstoffkomplex" und das Buch "Organisch", mit dem Claim: "Manchmal braucht es den Blick nach innen, um das Leben draußen besser zu verstehen". Dass sich unter den ersten fünf Plätzen auch das Buch der außerordentlichen Französin Gisèle Pelicot findet, fällt in dieser deutschen Selbstbeschau dann kaum noch ins Gewicht.

Sie mögen diese Skizze für feuilletonistische Hieroskopie halten; sie ist – natürlich – nur eine Momentaufnahme. Aber wer die meistverkauften Titel als Hinweise auf ein Denken, als Umrisse einer Weltsicht versteht, der sieht: Selbstbetrachtung, Wohlfühlphilosophie und Selbstoptimierungssehnsucht. Drinnen statt draußen, Körper statt Welt, Ego statt Erkenntnis.

Dass es sich hierbei um die Liste der meistverkauften Bücher im Bereich Sachbuch handelt, die immerhin der "Spiegel" versammelt, und nicht etwa um die Sparte Ratgeber oder einen der vielen amazonschen Höllenkreise wie "Wellness und Food" oder "Lifestyle und Health", kommt erschwerend hinzu.

Eine Bestsellerliste sei nicht einfach eine Verkaufsrangfolge, sondern ein Marker für die Verfasstheit der Zeit, in der sie steht: so formulierte es zu Beginn des letzten Jahrhunderts Willy Haas, 1914 Lektor im Kurt-Wolff-Verlag und 1925 Gründer der "Literarischen Welt". Hundert Jahre später fördert eine Haassche Stichprobe wenig Ermutigendes zutage. Die geistige Physiognomie hierzulande: Innensicht, Nabelschau.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, in diesen Kreisen können vermutlich alle die folgenden Sätze von Kurt Wolff nachbeten:

Kurt Wolff: "Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen – oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. Verleger, die dem Publikumsgeschmack dienerisch nachlaufen, zählen für uns nicht."

"Büchermachen als Crossover für einen neuen, anderen Blick"

Nun wäre es aber so realitätsfern wie erwartbar öde, die nächsten Minuten damit zu verbringen, gegen die marktstrategischen Ausrichtungen von Konzernverlagen und ihre Bestsellerpolitik zu herumzuwettern; Kurt Wolff hat eine zukunftsfähigere Haltung verdient – und vor allem haben unsere beiden Preisträger es verdient, ihre jeweils eigene Unabhängigkeit gewürdigt zu wissen. Immerhin zeichnen wir hier nicht einfach Verlage aus, sondern eine Idee, ein Konzept, vielleicht sogar eine Lebenshaltung, die sie vertreten.

"Nur der Wahnsinn ist interessant", so heißt eines der Bücher von Starfuit Publications, ein Gespräch von Manfred Rothenberger mit Herbert Fritsch. Der Titel ist programmatisch, keine rein punkistische Geste. Das wird dem klar, der Starfruit-Bücher in die Hand nimmt: In diesem Verlag meint "verlegen" nicht das Veröffentlichen von Titeln, sondern Bücher machen: Bücher, deren innere Form sich in ihrer äußeren Erscheinung spiegelt; das ist der Verlag als Projekt und Werkstatt, ist Büchermachen als Crossover für einen neuen, anderen Blick. Theorien der Fotografie und des Films finden sich ebenso wie explosive Verbindungen von Text und Bild – ob es die Textgrafiken von Bert Papenfuß sind oder die Gedichte von Franz Dobler, kombiniert mit schwarz-weiß-melancholischen Fotografien von Juliane Liebert; hier dient nicht eine Kunst der anderen, sondern beide folgen demselben Prinzip: der Verdichtung von Wahnsinn zu Sinn. Dabei wird den Außenseitern, Abseitigen und Anderen ein besonderer Platz zugewiesen, wie etwa im Buch über David Bowies Besuch in der österreichischen Nervenklinik Gugging. Blixa Bargeld urteilte lakonisch: "schönes Buch".

Dass mit dieser Form von abseitiger Schönheit auch eine emanzipatorische Idee verbunden ist, formuliert der Verlag im aktuellen Programm selbst:

"Gegenwärtig scheint es, als würde die Evolution rückwärtslaufen", heißt es da. "Es scheint, als hätte es das Zeitalter der Aufklärung nie gegeben." "Was können Bücher ausrichten?", ist die rhetorische Frage.

"Man könnte aus Büchern eine Treppe zum Mond bauen", lautet ein Vorschlag, "eine Treppe zum Mond und den einen oder anderen Herrscher unserer Zeit dort hinaufschicken"; vermutlich möchte auch der eine oder andere den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien in Ihrem Sinn mondwärts schicken.

"Man könnte, nein man müsste aus Büchern einen Wall bauen gegen die Dummheit von uns Menschen", schreiben Sie weiter. Und: "Wir denken gerne weiter darüber nach, welche Möglichkeiten es gibt, mit Büchern diese Welt zu verbessern – und melden uns dann wieder." Einen Weg weist Ihre verlegerische Haltung: Texte zum Sprechen und ins Gespräch zu bringen. Und manchmal muss man den Blick werfen von der Erde zum Mond oder zumindest zwischen Bild und Text hin und her, um die wahnsinnige Welt für voll nehmen zu können.

"Haltung statt Anpassung ist die Devise"

Mit Büchern den Wahnsinn der Welt bändigen: Dieser Aufgabe hat sich auch Klaus Bittermann verschrieben, dessen Verlag Edition Tiamat das Chaos schon als Leitmotiv im Namen trägt, und zwar gleich doppelt.

Nicht nur ist Tiamat die babylonische Göttin des Chaos und Ursprungs, noch dazu erklärt der Verleger, auf den Namen seines Verlags angesprochen gern, dieser sei eher unbedacht entstanden; vielleicht ein "objektiver Zufall", wie es die Surrealisten nannten. "Edition" wurde hinzugefügt, weil es irgendwie französisch klang und eine andere Welt versprach als die der Westberliner und bundesdeutschen frühen Achtziger: eine schärfere, sinnlichere Welt, die der Surrealisten, Situationisten und heißen Theorie. Hauptsache jedenfalls eine Befreiung aus deutscher Ordnung (und so gehörten zu den ersten Akquisitionen die surrealistischen Autoren René Crevel und Jacques Prévert, nicht zu vergessen Benjamin Péret mit seinem satirischen Porno "Die tollwütigen Hoden".)

Tiamat heißt nicht einfach Dagegensein, es bedeutet – Buch für Buch – eine Einladung: auszureißen, sich auf den Weg zu machen. Weg von intellektueller Vorhersehbarkeit, schalen Ideologien, leerem Gemeinschaftsgekuschel und überhaupt deutscher "Dicktuerei".

Der Verlag ist dabei ein Laboratorium: Kreuzberger Projektwerkstatt, Renaissance-Studiolo, aufklärerischer Denkbunker in einem; und in der Mitte ein Mann, der in Personalunion all das macht, was in anderen Verlagen auf mehrere Paare Schultern verteilt ist; der Verleger ist der Verlag und umgekehrt. 

Wie kann das funktionieren, seit fast einem halben Jahrhundert: Wie kann sich diese Unabhängigkeit behaupten, unverändert, unverdrossen? Anders gefragt: Wenn Tiamat Chaos und Ursprung bedeuten – was bedeutet Bittermann?

"Er ist sich selbst immer treu geblieben": das klingt wie eine Traueranzeige oder ein Horrorsatz aus dem Wörterbuch des Gutmenschen oder wenigstens Floskelfängers. Aber es stimmt: Bittermann macht einfach so weiter, wie er angefangen hat, eine dandyhafte Figur, die kaum zu altern scheint: ein Ruhepol in den Strömen des Denkens, die er in seinem Verlag bearbeitet.

Haltung statt Anpassung ist die Devise. So ist über die Jahre ein Profil entstanden, das sich wie ein "Who is Who" der eigenwilligen Geister liest, ein Sammelsurium von Typen, Charakteren und Denkrhythmen:

Hunter S. Thompson und Guy Debord, Harry Rowohlt, Robert Kurz und Wiglaf Droste, Eike Geisel, um nur ein paar zu nennen, und, natürlich, Wolfgang Pohrt.

Oder auch: "Die Außenseiter, die den Mainstream zerpflückenden Analytiker, die Schlechtlaunigen mit ihrem grimmigen Humor, die Geächteten, die Häretiker, die Zweifler, die Unwirschen, die aus guten Gründen den vorherrschenden Literaturgeschmack nicht teilen", das sind seine Leute, so fasst es der Verleger selbst. Und bekundet seine "Sympathie für die Abweichler, Melancholiker, Unruhestifter, Sonderlinge, Verweigerer, Irrlichter, Rabauken und Rebellen, die mit ihren Büchern ein Affront gegen den gesellschaftlichen Mainstream und nicht wirklich einzuordnen sind".  

Oft sind es Texte, die von einer großen, oft verlorenen Sache zeugen, umweht von einem Hauch Melancholie und geprägt von Enttäuschung über eine verratene, verlorene Revolution – oder dem Versprechen auf eine, die noch hinter der nächsten Kreuzberger Ecke warten könnte, und die die Kneipe "Standesamt" vielleicht in ein Chez Moineau verwandeln könnte, Rauch und Rausch inklusive.

VieIe Jahre waren es Widerständige gegen den deutschen Zeitgeist, die bei Tiamat den Ton angaben; Kritiker, Polemiker, Stimmen, die links waren, aber immer auch ein Korrektiv von links. Ideologiekritik hieß Sprachkritik – und das Werkzeug des Verlegers Punk: nicht nur, aber auch weil er als erste verlegerische Großtat "England’s Dreaming" von Jon Savage herausgebracht hat. Die Haltung ist geblieben.

Katharina Teutsch hat das in der "Zeit" gerade so gefasst: "Klaus Bittermann ist in der unabhängigen Verlagsszene bis heute derjenige geblieben, der sich am elegantesten zwischen Ideologiekritik und Ideologiekritiker-Kritik bewegt."

Ganz unterschiedliche Titel ließen sich nennen, mit denen Tiamat seit den Achtzigern den Mainstream herausfordert: Gerhard Henschels "Wörterbuch des Gutmenschen" oder "Die Zonis zwischen Selbstmitleid und Barbarei" oder Achim Gresers Karikaturen "Hitler privat". Seit kurzem scheint die Zeit der Polemik aber einer Zeit der Aufklärung zu weichen.

Mit den Essays von Eike Geisel zum Antisemitismus der Achtundsechziger begann die jahrzehntelange kritische Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang zwischen linker Theorie und Antisemitismus, die nach dem 7. Oktober noch einmal eine neue Dringlichkeit bekommen hat und die bei Tiamat mit Vehemenz verfolgt wird. Die Veränderungen innerhalb der deutschen Erinnerungskultur werden gespiegelt, etwa in Jan Gerbers "Das Verschwinden des Holocaust. Zum Wandel der Erinnerung." Léon Poliakovs Standardwerk "Vom Hass zum Genozid. Das Dritte Reich und die Juden" erscheint siebzig Jahre nach der Erstpublikation auf Deutsch bei Tiamat. In diesem Frühjahr folgt u.a. ein Band mit Essays über die Ära nach dem 7. Oktober.

Der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer hat den Ausdruck "Selbstdenker" geprägt, den er vom "Systemdenker" unterscheidet. Und darauf hingewiesen, dass es riskant ist, von der "Unabhängigkeit" des Denkens zu sprechen: "Die Formel gehört zu jenen Attributen im intellektuellen Wertekanon, die wahrscheinlich jeder Intellektuelle gern für sich in Anspruch nimmt und die bei Laudationes das nächstliegende Prädikat ist."

Wer aber seit fast 50 Jahren am selben Ort ist und sich gleichzeitig bewegt, hinein ins Paris der Surrealisten oder zu den Partisanen am Rand der Literatur und quer durch die Debattenlandschaft, wer nach links zieht, aber nicht links stehen bleibt: was soll der schon sein, wenn nicht: ein Selbstdenker? 

Als Verleger schafft Klaus Bittermann ein Paradox: Er romantisiert seine schreibenden Helden nicht in ihrer Außenseiterhaftigkeit; er lässt sie für sich stehen.

Auch das ist nicht selbstverständlich, sondern ein Zeichen von intellektuellem Takt: Takt gegenüber eben jener Eigenartigkeit, die fesselt, weil man sie gerade nicht gleich in die handelsüblichen Kategorien verpacken kann.

Es passt da ins Bild, dass Bittermann – der Autor – einen Ausreißerroman geschrieben hat. Er trägt den Titel "Sid Schlebrowskis kurzer Sommer der Anarchie und seine Suche nach dem Glück" und erzählt von zwei Teenagern, die mit einem Citroën nach Süden ausreißen; selbstverständlich gibt es zu Sid auch eine Nancy. Sid, vielleicht ein Alter Ego des Autors, ein scheuer Einzelgänger, hat ein Lieblingswort, das im deswegen so gefällt, weil keiner außer ihm weiß, was es bedeutet – er schon, er hat im Lexikon nachgeschaut: Insubordination. Insubordination: Das ist die Losung, um aus der engen Welt auszureißen.

Man könnte auch sagen: Erkenntnis lässt sich nur durch Reibung herstellen.

In diesem Sinne, liebe Preisträger: Insubordiniert euch!"