Mit Büchern den Wahnsinn der Welt bändigen: Dieser Aufgabe hat sich auch Klaus Bittermann verschrieben, dessen Verlag Edition Tiamat das Chaos schon als Leitmotiv im Namen trägt, und zwar gleich doppelt.
Nicht nur ist Tiamat die babylonische Göttin des Chaos und Ursprungs, noch dazu erklärt der Verleger, auf den Namen seines Verlags angesprochen gern, dieser sei eher unbedacht entstanden; vielleicht ein "objektiver Zufall", wie es die Surrealisten nannten. "Edition" wurde hinzugefügt, weil es irgendwie französisch klang und eine andere Welt versprach als die der Westberliner und bundesdeutschen frühen Achtziger: eine schärfere, sinnlichere Welt, die der Surrealisten, Situationisten und heißen Theorie. Hauptsache jedenfalls eine Befreiung aus deutscher Ordnung (und so gehörten zu den ersten Akquisitionen die surrealistischen Autoren René Crevel und Jacques Prévert, nicht zu vergessen Benjamin Péret mit seinem satirischen Porno "Die tollwütigen Hoden".)
Tiamat heißt nicht einfach Dagegensein, es bedeutet – Buch für Buch – eine Einladung: auszureißen, sich auf den Weg zu machen. Weg von intellektueller Vorhersehbarkeit, schalen Ideologien, leerem Gemeinschaftsgekuschel und überhaupt deutscher "Dicktuerei".
Der Verlag ist dabei ein Laboratorium: Kreuzberger Projektwerkstatt, Renaissance-Studiolo, aufklärerischer Denkbunker in einem; und in der Mitte ein Mann, der in Personalunion all das macht, was in anderen Verlagen auf mehrere Paare Schultern verteilt ist; der Verleger ist der Verlag und umgekehrt.
Wie kann das funktionieren, seit fast einem halben Jahrhundert: Wie kann sich diese Unabhängigkeit behaupten, unverändert, unverdrossen? Anders gefragt: Wenn Tiamat Chaos und Ursprung bedeuten – was bedeutet Bittermann?
"Er ist sich selbst immer treu geblieben": das klingt wie eine Traueranzeige oder ein Horrorsatz aus dem Wörterbuch des Gutmenschen oder wenigstens Floskelfängers. Aber es stimmt: Bittermann macht einfach so weiter, wie er angefangen hat, eine dandyhafte Figur, die kaum zu altern scheint: ein Ruhepol in den Strömen des Denkens, die er in seinem Verlag bearbeitet.
Haltung statt Anpassung ist die Devise. So ist über die Jahre ein Profil entstanden, das sich wie ein "Who is Who" der eigenwilligen Geister liest, ein Sammelsurium von Typen, Charakteren und Denkrhythmen:
Hunter S. Thompson und Guy Debord, Harry Rowohlt, Robert Kurz und Wiglaf Droste, Eike Geisel, um nur ein paar zu nennen, und, natürlich, Wolfgang Pohrt.
Oder auch: "Die Außenseiter, die den Mainstream zerpflückenden Analytiker, die Schlechtlaunigen mit ihrem grimmigen Humor, die Geächteten, die Häretiker, die Zweifler, die Unwirschen, die aus guten Gründen den vorherrschenden Literaturgeschmack nicht teilen", das sind seine Leute, so fasst es der Verleger selbst. Und bekundet seine "Sympathie für die Abweichler, Melancholiker, Unruhestifter, Sonderlinge, Verweigerer, Irrlichter, Rabauken und Rebellen, die mit ihren Büchern ein Affront gegen den gesellschaftlichen Mainstream und nicht wirklich einzuordnen sind".