Börsenblatt Young Excellence Award

Ruben Höppner: Die Welt bewegen

8. Juni 2026
Veronika Weiss

Slawist mit Macher-Mentalität: Als sich die Gelegenheit bietet, übernimmt der Literaturwissenschaftler und Übersetzer Ruben Höppner den Anthea Verlag. Dort macht er Bücher aus Mittel- und Osteuropa in deutscher Sprache sichtbar. Ruben Höppner ist für den Börsenblatt Young Excellence Award nominiert. 

Ruben Höppner im Zelt, umgeben von Büchern aus seinem Verlag

Ruben Höppner 

Glücksgriffe

Ruben verbringt einige Tage in seiner Datsche, als wir miteinander über seine Arbeit und den Börsenblatt Young Excellence Award sprechen, und mir fällt die Parallele auf: osteuropäische Tradition – hier in Form eines Häuschens, dort in Form von Literatur. Beides liebt er, hegt und pflegt es nach seinem Geschmack.

Seit Juli 2024 leitet Ruben Höppner den Anthea Verlag. "Das Glück hat mich da hin gestupst", sagt er über diesen beruflichen Schritt, der ihm überraschend neben seiner wissenschaftlichen Karriere eine zweite bescherte.

Erst ein Blick zurück: Ruben liest schon in der Schule russische Literatur, zeigt Interesse für Osteuropa, slawische Geschichte und Gesellschaft. Später will er sich an der Humboldt Universität für Russisch einschreiben, vertut sich aber mit Haupt- und Nebenfach: "Der schönste Fehler meines Lebens, denn so hab ich Tschechisch studiert!" Ruben Höppner lässt sich prinzipiell schnell begeistern. Er stürzt sich also in sein neues Hauptfach und reicht nach dem Master-Abschluss "aus Lust an der Freude" ein Exposé für eine Dissertation über tschechischen Gangsterrap ein. Damit bekommt er eine Doktorandenstelle an der Universität Potsdam.

Als Literaturwissenschaftler forscht er zu Übersetzungstheorie, Urbaner Theorie und Gegenkulturen, zur Repräsentation von Roma sowie zu Rassismus und Diskriminierung in tschechischer Popkultur. Diese Arbeit und besonders das Dozieren machen ihm Spaß, aber da sind auch Zweifel: "Wer liest denn meine Artikel oder kommt zu meinem Vortrag, den ich irgendwo in den USA halte? Es interessiert kaum jemanden, obwohl ich da in meinen Augen so relevante Dinge tue …" Ruben möchte eigentlich "etwas in der Welt bewegen". Da kommt der Zufall ins Spiel: Sein Onkel Gregor Höppner hat 2022 bei Anthea "Le nom Perdu" über seine Mutter, Rubens Oma, herausgebracht. Er hört von den Verkaufsplänen Margarita Steins, die Anthea 2011 zusammen mit ihrem Mann Detlef W. gegründet und es seit dessen Tod 2020 allein geführt hat. Klar, dass er Ruben von diesem Verlag berichtet, der mittel- und osteuropäische Literatur auf Deutsch herausgibt – er kennt ja Rubens Wunsch, sich genau dafür einzusetzen.

Böhmische Dörfer

Ruben Höppner hat Respekt vor der Entscheidung. Er ahnt, dass es nicht leicht wird, sieht neben dem persönlichen Risiko aber auch die große Chance. Also übernimmt er den Anthea Verlag, wird von heute auf morgen Geschäftsführer, Produktionsleiter, Marketingchef, Vertriebsleiter und so weiter – neben seinem anderen Beruf. Das Verlegertum ist ihm ein sprichwörtliches böhmisches Dorf. Aber wenn jemand davor keine Scheu zeigt, dann Ruben Höppner. Sein Credo lautet: "Lieber machen, Fehler machen und besser machen, als lange herumzusitzen und nichts zu tun, um es dann perfekt zu machen."

Er hat klare Vorstellungen und erarbeitet sich nach und nach das nötige Know-how. Lehrreiche Kontakte und ein Netzwerk aus Menschen, denen er vertraut, sind für ihn essenziell. Auch die Unterstützung der Kurt Wolff Stiftung hilft enorm. Aber nur dank viel unbezahlter Arbeit und privatem Einsatz, schafft Ruben es, Programme und Strukturen zu modernisieren, den Verlag neu auszurichten und dem Traditionshaus nach außen hin neue Souveränität und Leichtigkeit zu geben. Etwa mit einem neuen Logo. "Anthea ist der Name für die griechische Blütengöttin – das war die grobe Idee. Und dann kam meine Grafikerin mit dieser Tulpe, die gleichzeitig ein sich öffnendes Buch ist, wo das Schöne rauskommt. Und ich dachte so: There we have it!"

Der Elan des Jungverlegers zahlt sich aus: In Rubens zweitem Jahr in der Buchbranche gewinnt Anthea den Deutsche Verlagspreis 2025. Die Auszeichnung wird für herausragende verlegerische Leistung und kulturelles Engagement vergeben, ist also eine richtige Wohltat für Ruben. Auch monetär, denn mit 18.000 € lassen sich etwa ein Übersetzungs-Buchprojekt ohne Förderung oder die Fixkosten für ein Jahr finanzieren – natürlich ohne sämtliche Freelancer und die Studentische Aushilfe zu bezahlen …

Ruben spricht offen über strukturelle Probleme und die katastrophale finanzielle Lage: "Ich kämpfe extrem ums Überleben. Es ist superschwer, erst recht als Quereinsteiger. Der Verlag wirft kein Geld ab, sondern ich muss welches reinstecken." Ruben hatte sich eine Beratungsförderung von der Investitionsbank in Berlin gesichert – doch nach wenigen Verlagsberatungs-Einheiten kam die CDU an die Regierung: "Ich hatte 20.000 € eingeworben und konnte davon fast nichts nutzen."

Lieber machen, Fehler machen und besser machen, als lange herumzusitzen und nichts zu tun, um es dann perfekt zu machen.

Aktivismus und Außenwirkung

Bei der Frankfurter Buchmesse – Gastland 2026 ist Tschechien! – ist für den Anthea Verlag aus finanziellen Gründen echte Teilhabe schwierig. Ruben Höppner bringt die Problematik auf den Punkt: "Ich treffe die Kernthemen, ich bin aber zu arm." Skandalös, denn Anthea hat hervorragende tschechische Titel im Programm und Spitzenautor Marek Torčík dabei. Als kleiner unabhängiger Verlag sei es aber nicht möglich, die hohen Beiträge für Veranstaltungen zu zahlen. "Da muss ich kurz mal wütend werden; die Organisation macht da einiges falsch! Ich leiste mir gerade einen Verlagsstand, aber das ist mein privates Geld, das kommt nicht zurück. Wenn ich das öfter mache, treibt mich das in den Ruin."

Klare Kante zeigt Ruben Höppner auch beim Thema "name the translator": "Ich bin Überzeugungstäter und packe die Übersetzer:innen vorne mit drauf. Und das sollten alle Verlage tun!" Das Argument, dass das Cover mit dieser Info überladen sei, lässt er nicht gelten. Das Impressum ist in den Anthea-Titeln hinten drin, sodass vorne der Fokus ganz auf Inhalt und Übersetzung liegt. "Ich hab ja auch selber übersetzt und arbeite zur Übersetzungstheorie. Deswegen weiß ich, was das kostet – wir kreieren den Text, wir sind die Urheber des Textes."

Für Ruben Höppner ist Aktivismus Teil der Verlagsarbeit. Er gibt mit Anthea Texte heraus, "die etwas riskieren, politisch klar und inhaltlich divers sind". Auf die Wirkung, die er mit den Büchern erzielt, ist er stolz: "Es hat einen Effekt! Ich kann etwas in der Hand halten, kriege Rückmeldungen von Leser:innen, von Autor:innen, von Übersetzer:innen. Ohne mich würde es diesen Verlag, dieses Erscheinungsbild nicht geben, würden diese Stimmen in Deutschland nicht gehört werden. Zu merken, meine Arbeit hat Impact, das war für mich lebensverändernd."

Ich bin Überzeugungstäter und packe die Übersetzer:innen vorne mit drauf. Und das sollten alle Verlage tun!

Kurzvita

Ruben Höpper
2013–2018 B.A. Slawische Sprachen und Literaturen, HU Berlin
seit 2018 Literarische Gutachten und Übersetzungen aus dem Tschechischen für Verlage und Kulturinstitutionen
2018–2020 M.A. Kulturen und Literaturen Mittel- und Osteuropas, HU Berlin (1,1)
seit 2021 Wissenschaftlicher Mitarbeiter & Promovend Universität Potsdam, Institut für Slawistik
seit 07/2024 Verleger / Geschäftsführer Anthea Verlag & Weissensee Verlag, Berlin

Über den Börsenblatt Young Excellence Award 

Der Börsenblatt Young Excellence Award ehrt herausragende Persönlichkeiten bis 35 Jahre, die in der Buchbranche etwas bewegen – sei es in einer Buchhandlung, im Verlag, bei einem Dienstleistungsunternehmen oder in Selbständigkeit. Das Fachmagazin Börsenblatt vergibt die Auszeichnung zusammen mit den Unternehmen der Börsenvereinsgruppe: Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Frankfurter Buchmesse, Mediacampus Frankfurt und MVB. Die future!publish unterstützt den #yeaward26 als Partner. 10 Young Professionals sind nominiert: www.young-excellence-award.de