Börsenblatt Young Excellence Award

Susann Hoffmann: Bücher für die Kleinstadt

2. Juni 2026
Nele Marggraf

Quereinsteigerin Susann Hoffmann hat die Buchhandlung kleinodd Buch & Café in Waldenburg gegründet, um Literatur wieder erlebbar zu machen. Sie hat einen Safe Space und liebevoll kuratierten Raum der Begegnung geschaffen – einen Ort, den sie sich früher selbst gewünscht hätte. Die Inhaberin ist nominiert für den #yeaward26.

Susann Hoffmann auf einer rosa Bank vor ihrer Buchhandlung

Schön hier: Susann Hoffmann vor ihrer Buchhandlung

Zurück in die Heimat

"Als ich mit meiner Familie aus Berlin in meine Heimat zurückgezogen bin, gab es dort keine Buchhandlung mehr. Jede Kleinstadt braucht aber dringend eine, damit sich die Leute mit Büchern versorgen und vor allem über Literatur austauschen können." Mitten im sächsischen Waldenburg eröffnete Susann Hoffmann also vor gut drei Jahren das kleinodd Buch & Café, um der Töpferstadt wieder mehr Leben einzuhauchen. "Ich habe Buchhandlungen schon immer als einen Raum für Begegnungen verstanden – einen Ort, an dem Literatur anfassbar wird."

Ich habe Buchhandlungen schon immer als einen Raum für Begegnungen verstanden – einen Ort, an dem Literatur anfassbar wird."

Inspirierende Arbeit

Susann beschreibt sich selbst als klassische Quereinsteigerin. Nach ihrem Kulturwirtschaftsstudium arbeitet sie viele Jahre als Dozentin im Bereich Deutsch als Fremdsprache. In Berlin baut sie dann in einer Bürger:innen-Initiative einen Kiezladen auf – eine Arbeit, die sie sehr inspiriert: "Ich habe so viel Sinn darin gesehen, etwas Positives für einen Ort zu schaffen. Eine Freundin von mir hatte in der Nähe eine Buchhandlung. Da habe ich gesehen, wie man so ein Geschäft aufbaut und wie sehr die Nachbarschaft dadurch bereichert wurde. Eine Buchhandlung kann eben mehr als ein einfacher Obst- und Gemüseladen."

Ich habe so viel Sinn daran gesehen, etwas Positives für einen Ort zu schaffen.

Against all odds

Seit 2023 versorgt das kleinodd die Waldenburger:innen neben Büchern mit italienischem Kaffee, kleinen Kuchenspezialitäten und vielseitigem Programm: "Im Englischen heißt ‘odd‘ auch ‘ungewöhnlich‘; das hat sehr gut zu uns gepasst. Und natürlich ‘against all odds‘, also ‘trotz aller Widerstände‘, die es hier vor Ort gab. Welche das waren, zählt Susann heute mit einem Augenzwinkern auf. "Wer liest denn heute noch Bücher?" war nur eine der vielen Fragen, mit denen sie sich konfrontiert sah, als sie erste Schritte in Richtung Gründung unternahm. Sie merkt schnell, dass es in einer Kleinstadt länger dauert, bis sich Dinge etablieren: "Hier hast du halt nicht so viel Laufkundschaft. Es braucht viel Mundpropaganda und vor allem Geduld." Die scheint sich in Susann Hoffmanns Fall auszuzahlen. Mit seiner urbanen Einrichtung, den Wimpeln über der rosafarbenen Bank vor dem Schaufenster und der gemütlichen Café-Ecke lädt das kleinodd zum Verweilen und Zusammenkommen ein. "Es hat sich wirklich zum Kleinod in unserer schönen Stadt entwickelt, in dem Bücher im ländlichen Raum wieder gelebt werden."

Mit ganzem Herzen

Als Susann ihren Traum vom eigenen Laden verwirklicht, sind ihre Kinder zwei und vier Jahre alt – ein Beweis dafür, dass sich Unternehmerinnentum und Muttersein nicht ausschließen müssen. "Es ist krass zu gründen, wenn man so kleine Kinder hat. Noch dazu als junge Mutter." Wenn sie über diese Zeit spricht, ist ihr die Erschöpfung genauso deutlich anzumerken wie Freude und Stolz. "Was ich meinen Kindern mitgeben möchte, ist aber eben genau das: lebt eure Träume, macht das, woran ihr glaubt." Sie hat ihren Laden nicht nur mit ihren Kindern, sondern auch für sie aufgebaut. "Ich wollte einen Ort schaffen, wo wir damals selbst gerne gewesen wären. Einen Safe Space, wo junge Familien und Leser:innen gerne sind. Den gab es hier nie – also habe ich ihn einfach selbst gegründet, auch für uns als Familie."

Ich wollte einen Ort schaffen, wo wir damals selbst gerne gewesen wären. Wo junge Familien und Leser:innen gerne sind.

Starkes Team

Ihr Team besteht aus fünf Frauen in den verschiedensten Altersgruppen. "Alle sind mit dem Herzen dabei, bringen ihre ganz eigene Perspektive ein und machen so viel mehr als ihren 08/15-Job", freut sich die Chefin. Das gebündelte Engagement begeistert inzwischen auch über die Grenzen ihrer beschaulichen Stadt hinaus. Der kleinodd-Buchclub hat Menschen in Zwickau dazu inspiriert, ebenfalls einen Lesezirkel zu initiieren und auch die von Susann ins Leben gerufene Reihe "Literatur braucht das Land" erfreut sich großer Beliebtheit. Ihr großes Ziel ist es, noch mehr Menschen mithilfe von Literatur zusammenzubringen und ein eigenes Literaturfestival auf die Beine zu stellen. "Ich glaube, die Stadt ist ein bisschen auf der Suche nach einer neuen Identität. Da könnte ich mir vorstellen, dass so ein Literaturfestival neue Akzente setzen kann – Literatur ist so viel mehr als nur gedruckte Worte auf weißem Papier."

Literatur ist so viel mehr als nur gedruckte Worte auf weißem Papier!

Potenzial für ein Miteinander

Gelegentlich kommt es zu Situationen, die Susann herausfordern. Sie erzählt, dass ihre Buchhandlung in manchen Kreisen als "linker, alternativer Ort" verschrien ist. Nicht allen gefällt der neue Wind, den das kleinodd bringt. Doch die Inhaberin positioniert sich klar: "Ich habe mit meinen demokratischen Werten nie hinterm Berg gehalten. Wir sind als Laden laut und Menschen kommen gezielt hierher, weil sie eben die Werte suchen, die hier in der Gegend so wenig repräsentiert sind. Es trifft mich schon, wenn sich Leute davon angegriffen fühlen, aber ich sehe auch, dass wir viel Hoffnung geben." In einer kleinen Stadt wie Waldenburg begegnet man sich zwangsläufig immer wieder. Das sieht sie als große Chance: "Der Laden ist direkt gegenüber vom Rathaus, das teilweise ganz andere Werte vertritt als wir. Durch diese Nähe lerne ich, dass ich ihnen ruhig ein bisschen mehr zutrauen und sie nicht immer so mit dem Vorschlaghammer konfrontieren darf. Und ich glaube, sie merken auch, dass es mir und uns allen eigentlich darum geht, dass unsere Stadt aufblüht. Dass wir hier vor Ort Angebote schaffen können – und ich denke, diese Nähe birgt auch Potenzial für ein Miteinander."

Susann Hoffmann  
1991 geboren in Lichtenstein, Sachsen
2010 – 2015 Studium: Kulturwirtschaft in Passau, Prag und Vitoria-Gasteiz
2016 9-monatige Reise durch Asien und Südamerika
2017 bis heute Dozentin für Deutsch, Englisch und Italienisch
2020 Mitinitiatorin von "Kiezladen" in Berlin, Wilhelmsruh
2022 Rückkehr von Berlin nach Waldenburg
2023 Gründung von "kleinodd - Buch & Café"
2024 Erste Lesereihe "Literatur braucht das Land"
2025 Mitinitiatorin von Hofflohmärkten und Umsonstladen in Waldenburg

Über den Börsenblatt Young Excellence Award 

Der Börsenblatt Young Excellence Award ehrt herausragende Persönlichkeiten bis 35 Jahre, die in der Buchbranche etwas bewegen – sei es in einer Buchhandlung, im Verlag, bei einem Dienstleistungsunternehmen oder in Selbständigkeit. Das Fachmagazin Börsenblatt vergibt die Auszeichnung zusammen mit den Unternehmen der Börsenvereinsgruppe: Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Frankfurter Buchmesse, Mediacampus Frankfurt und MVB. Die future!publish unterstützt den #yeaward26 als Partner. 10 Young Professionals sind nominiert: www.young-excellence-award.de