Lektorat

"Das Herzstück guter Verlagsarbeit"

8. Juli 2026
Redaktion Börsenblatt

Wie entsteht ein guter Text? Wir haben in Kinder- und Jugendbuchverlagen gefragt, was ein Lektorat alles bewirken kann. In dieser Folge antwortet Anna Kindermann, Verlegerin des Kindermann Verlags.

Anna Kindermann

Anna Kindermann

Anna Kindermann, Verlegerin des Kindermann Verlags:

"In Zeiten von Künstlicher Intelligenz, steigenden Kosten und immer kürzeren Produktionszyklen wird häufig über Effizienz gesprochen. Auch im Verlag stellt sich die Frage, welche Arbeitsschritte eigentlich unverzichtbar sind. Für uns gehört das Lektorat ganz klar dazu.
Eine gute Lektorin ist für mich unersetzlich. Sie korrigiert nicht nur Fehler, sondern begleitet einen Text auf dem ganzen Weg zu seiner besten Form. Gerade im Kinderbuch geht es darum, Rhythmus, Emotionalität und Verständlichkeit so auszubalancieren, dass Geschichten wirklich lebendig werden. Denn Kinder sind ein anspruchsvolles Publikum: Sie merken sofort, wenn ein Dialog nicht glaubwürdig klingt, eine Figur nicht nachvollziehbar handelt oder eine Geschichte nicht sofort fesselt.

Deshalb beginnt die eigentliche Lektoratsarbeit für uns dort, wo das reine Korrigieren endet. Sie besteht darin, Fragen zu stellen: Ist die Geschichte verständlich? Fühlt sich die Sprache natürlich an? Trägt die Handlung von Anfang bis Ende? Und vor allem: Berührt die Geschichte ihre Leser:innen?
Viele der schönsten Ideen entstehen erst im gemeinsamen Nachdenken. Wenn wir im kleinen Team an einem Text sitzen, bringt beispielsweise eine Lektorin einen neuen Gedanken ein und manchmal genügt ein einziger Satz, um eine Geschichte verständlicher oder emotionaler zu machen. Dieser kreative Austausch gehört für uns zu den wertvollsten Teilen des Büchermachens.

Gerade Kinderbücher verlangen dabei besondere Sorgfalt. Sie wecken Neugier, fördern Sprache, vermitteln Werte und schaffen Erinnerungen, die lange bleiben. Umso wichtiger ist es, dass jedes Wort sitzt und jede Szene ihre Wirkung entfalten kann.

Im Verlag erleben wir immer wieder, wie sehr Bücher von einer intensiven Lektoratsarbeit profitieren. Manche Manuskripte kommen bereits erstaunlich ausgearbeitet zu uns. Andere entwickeln ihre ganze Stärke erst durch mehrere gemeinsame Überarbeitungsrunden. Das Ziel bleibt dabei immer dasselbe: die beste Version einer Geschichte zu finden. Natürlich kostet diese Arbeit Zeit. Gute Lektoratsarbeit braucht viel Feingefühl, Erfahrung und vor allem die Bereitschaft, sich komplett auf einen Text einzulassen – förmlich in ihn einzutauchen. 

In einer Zeit, in der Texte immer schneller produziert werden können, wird die menschliche Perspektive aus meiner Sicht sogar noch wertvoller. Denn Geschichten leben nicht allein von korrekter Sprache oder funktionierenden Handlungsabläufen. Sie leben von Zwischentönen, von Emotionen, von Humor, von Überraschungen und von Figuren, die uns berühren. Lektor:innen sind deshalb unersetzlich. Sie sind erste Leser:innen, kritische Stimmen und Mitdenkende. Für mich ist das Lektorat deshalb das Herzstück guter Verlagsarbeit."

Mit Börsenblatt Plus ins Branchengeschehen eintauchen

Sie wollen diesen B+-Artikel weiterlesen?
Nutzen Sie unsere B+-Angebote ab 5 €/Monat:.

Mit B+ haben Sie Zugriff auf alle Plus-Artikel sowie auf das aktuelle E⁠-⁠Paper und das Heft-Archiv seit 2019.

Börsenvereinsmitglieder und Abonnierende des Print-Heftes können B+⁠-⁠Inhalte ohne zusätzliche Kosten nutzen. Mehr dazu hier.

Um B+ zu abonnieren/nutzen, müssen Sie sich bei Börsenblatt Online registrieren.