Analyse-Tool fürs Lektorat

"Eine erhebliche Zeitersparnis"

13. Januar 2026
Susanna Wengeler

NarratiQ heißt eine Softwarelösung zur Beurteilung von Manuskripten, die Lektoratsarbeit nicht ersetzen, aber schneller machen soll. Fragen an einen der beiden Entwickler, Patrick Meier.

Patrick Meier im Porträt

Patrick Meier

"Wir verbinden KI-gestützte Analyse mit fundierter Branchenerfahrung, um Ihnen schnellere, bessere und effizientere Manuskriptbewertungen zu ermöglichen", versprechen der Ingenieur Johannes Köppern und der Verlagsfachwirt Patrick Meier, die gemeinsam die Softwarelösung NarratiQ entwickelt haben. Das Projekt befinde sich in der Beta-Phase, Pilotprojekte mit deutschen Verlagen seien in Vorbereitung. Das Angebot verspricht eine Manuskriptanalyse mit Zusammenfassung des Inhalts sowie Einschätzungen zur literarischen Qualität, zum Lektoratsaufwand sowie zur Frage, ob der Text ins Verlagsprofil passe.

Wie funktioniert NarratiQ, welche Voraussetzungen braucht man, um es zu nutzen?

Patrick Meier: NarratiQ analysiert Belletristik-Manuskripte über ein sicheres Webportal. Verlage, Literaturagenten oder freie Lektoren laden das Manuskript direkt hoch – das System unterstützt gängige Formate wie DOCX, PDF und TXT.

Die KI-gestützte Analyse prüft das Manuskript auf mehreren Ebenen: Konsistenz der Handlung, Wirksamkeit von Twists, Charakterentwicklung, strukturelle Qualität und – besonders wichtig – die Passung zum spezifischen Verlagsprofil. Das Ergebnis ist ein strukturierter HTML-Report mit optionalem DOCX/PDF-Export, der als Entscheidungsgrundlage für das Lektorat dient.

Die einzige technische Voraussetzung ist ein Internetzugang. Alle Datenverarbeitung erfolgt ausschließlich auf Servern innerhalb der Europäischen Union, um DSGVO- und Datenschutzkonformität sicherzustellen. 

Wie lange dauert der Prüfvorgang für ein Manuskript?

Patrick Meier: Die Analyse dauert je nach Manuskriptlänge etwa drei bis 15 Minuten. Der Report steht dann sofort zum Download bereit. 

Für welche Warengruppen ist narratiQ einsetzbar?

Patrick Meier: NarratiQ bietet sowohl Belletristik- als auch Sachbuchanalyse an. Im Belletristik-Bereich arbeiten wir mit genre-spezifischen Analyse-Komponenten, die wir individuell auf das Verlagsprofil kalibrieren können. Ein Thriller-Verlag erhält andere Bewertungskriterien als ein Dark-Romance- oder Literary-Fiction-Verlag. Wir decken das gesamte Spektrum ab – von Krimi und Thriller über Romance-Genres bis hin zu anspruchsvoller Gegenwartsliteratur.

Bei Sachbüchern analysiert NarratiQ Struktur, Argumentation, Faktentreue, Didaktik und Marktpotenzial. Wir arbeiten hier mit einem Two-Tier-Ansatz: einer Basisanalyse plus optionaler vertiefter Faktenprüfung. Auch hier liefert das System einen strukturierten Report, der die Entscheidungsgrundlage für Lektoren bildet. 

Kann man es auch für fremdsprachige Manuskripte anwenden? Könnten Sie es für andere Sprachen lizensieren?

Patrick Meier: Ja, NarratiQ ist mehrsprachig aufgebaut und unterstützt aktuell 19 Sprachen, darunter Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch und weitere europäische Sprachen. Besonders interessant: Ein spanischer Verlag aus Barcelona nutzt NarratiQ seit 2026 für deutsche Manuskripte im Bereich Cozy Romance – das deutsche Manuskript wird analysiert, der Report kommt auf Spanisch. Das spart eine teure Erstübersetzung für die Bewertung. Diese Mehrsprachigkeit funktioniert in alle Richtungen.

Die Frage, ob ein Text von einer KI geschrieben wurde, ist aus unserer Sicht für die verlegerische Entscheidung irrelevant – was zählt, ist die Qualität des Endprodukts.

Kann NarratiQ auch erkennen, ob man es mit einem Plagiat zu tun hat?

Patrick Meier: Nein, und das ist eine bewusste Entscheidung. NarratiQ ist kein Plagiats-Detektor und auch kein KI-Detektor. Wir liefern eine sachliche, strukturierte Analyse: Ist die Handlung konsistent? Funktionieren die Charaktere? Ist der Plot spannend? Passt das Manuskript zum Verlagsprofil? Das finale Qualitätsurteil fällt dabei immer der menschliche Lektor – NarratiQ liefert die Entscheidungsgrundlage. Die Frage, ob ein Text von einer KI geschrieben wurde, ist aus unserer Sicht für die verlegerische Entscheidung irrelevant – was zählt, ist die Qualität des Endprodukts. Die wissenschaftliche Forschung zeigt zudem eindeutig, dass sogenannte KI-Detektoren unzuverlässig sind und systematisch Nicht-Muttersprachler sowie Menschen, die Korrekturtools nutzen, diskriminieren.

Eine ernsthafte Plagiatserkennung wäre aus unserer Sicht nur möglich, wenn man tatsächlich Zugriff auf alle jemals geschriebenen Bücher hätte. Ein Unterfangen, das aber in einzelnen Verlagen mit der Anbindung unseres Tools möglich ist. Dies ist von unserer Seite umsetzbar. Der Verlag müsste nur seine Inhalte mit NarratiQ abgleichen, und dann könnte man erkennen, ob ein Buch eventuell schon einmal in ähnlicher Weise veröffentlicht wurde. Bei internationalen Verlagen ist diese Form des Abgleichs bereits in Pflichtenheften aufgetaucht und ist vorgesehen.

Mit welchen Kosten muss ich bei Nutzung rechnen?

Patrick Meier: Eine Erstanalyse kostet 79 Euro. Für Verlage mit höherem Volumen bieten wir attraktive Staffelmodelle an. Darüber hinaus sind auch Verbandslizenzierungen möglich, beispielsweise für Literaturagenten-Verbände oder Verlegervereinigungen. Die genaue Preisgestaltung bei Staffelmodellen hängt vom individuellen Bedarf und Volumen ab und wird transparent mit jedem Kunden vereinbart.

Welche Verlage testen NarratiQ derzeit?

Patrick Meier: Wir befinden uns aktuell in der Beta-Phase mit ersten Pilotkunden. Unser erster größerer Kunde ist ein Verlag aus Barcelona, der seit 2026 mit uns arbeitet. Weitere Pilotprojekte mit deutschen Verlagen sind in Vorbereitung, wobei wir aus Vertraulichkeitsgründen noch keine Namen nennen können. Unser Ziel für 2026 ist es, 15 etablierte Verlagskunden zu gewinnen. Die internationale Expansion planen wir für 2027.

Besonders in Genres wie Dark Romance, Young Romance und New Romance ist die Manuskriptflut in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Verfügbarkeit von KI-Tools hat die Hemmschwelle zum Einreichen weiter gesenkt.

Wie hoch schätzen Sie den Bedarf ein? Einige Verlage berichten, dass die Zahl unverlangt eingesandter Manuskripte sinke.

Patrick Meier: Die Zahlen sind hier sehr unterschiedlich. Während einige große Publikumsverlage tatsächlich weniger unverlangte Einsendungen melden, haben andere – gerade mittlere und kleinere Verlage sowie Literaturagenten – nach wie vor mit erheblichem Volumen zu kämpfen.

Besonders in Genres wie Dark Romance, Young Romance und New Romance ist die Manuskriptflut in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Verfügbarkeit von KI-Tools hat die Hemmschwelle zum Einreichen weiter gesenkt. Verlage berichten, dass der Anteil niedrigwertiger Einsendungen zunimmt, während die Anzahl hochwertiger Manuskripte gleichbleibt oder sogar sinkt. Hier hilft NarratiQ bei der effizienten Vorauswahl.

Wichtiger als die absolute Zahl ist aber die Effizienz: Auch wenn ein Verlag „nur" 500 Manuskripte pro Jahr erhält, bedeutet das bei zwei bis drei Stunden Erstscreening pro Text einen erheblichen Ressourcenaufwand. NarratiQ ermöglicht hier eine erhebliche Zeitersparnis – wobei die Entlastung je nach Manuskriptklasse variiert. Zeit, die Lektoren dann für die wirklich vielversprechenden Projekte nutzen können. Wir evaluieren derzeit übrigens die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Studie, hier könnte der Mediacampus ein fantastischer Partner sein, um diese Effekte präzise zu messen. 

Könnte eine Weiterentwicklung von NarratiQ im Anschluss auch das Lektorat des Manuskripts übernehmen, den Klappentext schreiben und ein Marketingkonzept entwickeln?

Das wäre durchaus möglich, ist aber aktuell nicht das Ziel. Wir konzentrieren uns auf die Analyse der Texte. Freigewordene Effizienzen können dann in den Verlagen entsprechend genutzt werden.