Podcast "Loslegen"

Weniger ist mehr: Wo der Schlüssel zu echter Innovation liegt

28. Mai 2026
Redaktion Börsenblatt

Theologin und Organisationsentwicklerin Sandra Bils erklärt in der neuen Folge des Podcasts "Loslegen", warum das strategische Weglassen für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen entscheidend ist und wie Verlage lernen, Altes loszulassen, um Raum für Neues zu schaffen.

 

Loslegen: Podcastcover mit Fotos der 5 Hosts

Beim Loslegen!-Podcast dreht sich alles ums Thema Innovation in der Buchbranche

"Die Zeit der Innovation ist vorbei"

"Die Zeit der Innovation ist vorbei" – mit dieser provokanten These startet das Buch "Exnovation und Innovation" von Sandra Bils. Was zunächst wie eine Absage an den Fortschritt klingt, ist bei genauerem Hinsehen ein Plädoyer für eine neue Art der Veränderung. In der aktuellen Folge des "Loslegen"-Podcasts erläutert die Theologin und Organisationsentwicklerin, warum viele Innovationsprojekte nicht an mangelnden Ideen, sondern an überlasteten Strukturen und Mitarbeitenden scheitern. Ihre Lösung: die Exnovation, das bewusste und strategische Beenden von Prozessen, Produkten und Gewohnheiten.

 

In drei Schritten zum Wandel

Doch wie lässt sich das Loslassen konkret umsetzen, ohne das Team zu demotivieren? Bils skizziert einen klaren, dreistufigen Prozess. Am Anfang steht die Schaffung eines gemeinsamen Problembewusstseins. "Der erste große Schritt in der Begleitung von Exnovationsprozessen ist immer ein Problembewusstsein zu schaffen, das im Idealfall geteilt ist", so Bils. Erst wenn alle Beteiligten die Notwendigkeit anerkennen, könne man in den zweiten Schritt übergehen: die Definition von Prioritäten und Kriterien. Dies führt oft zur zentralen Frage nach dem Unternehmenszweck, dem "Purpose". Ist der Kern des eigenen Handelns klar, lässt sich leichter entscheiden, was bleiben muss, was neu hinzukommt und was gehen kann. Die faktische Umsetzung bildet den dritten Schritt, der bewusst als emotionaler Prozess gestaltet werden muss, der einem Trauerprozess ähneln kann.

 

Zwischen Gewohnheit und Neuanfang

Veränderung fällt schwer, weil Menschen Gewohnheitstiere sind und eine natürliche "Verlustaversion" besitzen. Bils beschreibt Widerstand daher oft als "Verlustangst in professioneller Kleidung". Hinzu kommen strukturelle Hürden, sogenannte Pfadabhängigkeiten: Etablierte Workflows und Routinen verhindern, dass neue Wege beschritten werden. Hier bringt Bils das Konzept der Ambidextrie ins Spiel – die Fähigkeit einer Organisation, das bestehende Geschäft effizient zu führen (exploit) und gleichzeitig radikal Neues zu erproben (explore). Es geht darum, beide "Hände" auszubalancieren: die starke Routine-Hand bewusst etwas zurückzuhalten, um die schwächere Innovations-Hand zu trainieren. "Innovationsdruck ohne Entlastung schafft keine Wirksamkeit", fasst Bils zusammen.

 

Was die Buchbranche lernen kann

Am Beispiel der Brockhaus-Enzyklopädie macht Bils deutlich, wie ein zu eng gefasstes Selbstverständnis den Wandel blockieren kann. Das Motto "Wir verkaufen seit dem achtzehnten Jahrhundert enzyklopädische Bücher" zementierte ein Geschäftsmodell, das dem digitalen Wandel nicht standhalten konnte. Die eigentliche Stärke lag jedoch nicht im gedruckten Buch, sondern in der Vermittlung von verlässlichem Wissen. Ein klarer, vom Format entkoppelter "Purpose" hätte den Übergang zu neuen Geschäftsmodellen erleichtern können. Die größte Gefahr für traditionsreiche Branchen ist daher nicht der Wandel selbst. Bils bringt es auf den Punkt: "Organisationen in der jetzigen Zeit scheitern selten am Neuen, sondern sie scheitern daran, dass das Alte zu lange bleibt." Exnovation ist somit kein Traditionsbruch, sondern die Voraussetzung, um Traditionen lebendig in die Zukunft zu führen. Denn, so ihr Fazit: "Loslassen ist schwer, aber der Stillstand an sich hat viel größere Kosten."

 

Über den Podcast "Loslegen"

"Loslegen" ist der Podcast für mehr Innovation in der Buchbranche, ein Angebot der IG Digital im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Das Börsenblatt ist Hostingpartner.