Kinderbuchpraxis

Wie erklärt man Klassismus, ohne Kinder zu beschämen?

12. Juni 2026
Redaktion Börsenblatt

Gerda Raidt spricht in der "Kinderbuchpraxis" über ihr "Klassenbuch" und die Frage, wie sich soziale Herkunft für Grundschulkinder erzählen lässt. Ein Dialog über Startlinien, kulturelles Kapital und Wörter, die mehr bewirken, als man denkt.

Ein Foto der freien Illustratorin, Grafikerin und Autorin Gerda Raidt

Gerda Raidt arbeitet seit 2004 als freie Illustratorin, Grafikerin und Autorin. Ihr "­Klassenbuch. Wer gewinnt im Spiel des Lebens?" ist gerade bei Klett Kinderbuch erschienen

Wenn Kinder Unterschiede spüren, bevor sie sie benennen können

Gerda Raidt ist Illustratorin und Autorin; ihr Buch "Wer gewinnt im Spiel des Lebens?" ist im Klett Kinderbuchverlag erschienen. Laut Podcast-Host Dr. Stefan ein Buch, "das Klassismus für Grundschulkinder erfahrbar macht." Raidt selbst setzt früher an: bei Beobachtungen aus Lesungen, Schulklassen und Projektwochen. In Schulen, Stadtteilen und Bibliotheken habe sie erlebt, wie unterschiedlich Kinder auftreten, sprechen, sich trauen.

Besonders eindrücklich schildert sie zwei Lesungen in Dresden: erst in einem Villenstadtteil, dann in einem ärmlicheren Plattenbaustadtteil. Dort seien die Kinder "total verschüchtert" gewesen, stark diszipliniert, wenig gesprächig. Aber wenn sie etwas sagten, "dann war das total gut". Für Raidt wurde daraus eine Frage: Was wäre, wenn Kinder früher verstehen könnten, dass solche Erfahrungen nicht nur mit ihnen selbst zu tun haben?

Schulklassen als geschützter Raum

Die Reaktionen auf das Buch unterscheiden sich je nach Setting. Familienlesungen, erzählt Raidt, seien oft leiser; dort kommen Kinder mit Eltern, häufig aus Milieus, die ohnehin zu solchen Veranstaltungen gehen. Schulklassen dagegen öffnen den Raum anders. "Die Kinder sagen mehr und trauen sich mehr aus sich heraus", sagt Raidt über Lesungen vor Klassen.

Co-Host Mr. Ralf spitzt das auf die besondere Qualität solcher Veranstaltungen zu: Dort seien auch Kinder dabei, die sonst nicht freiwillig zu einer Lesung gingen, aber durch das Thema plötzlich erreicht würden. Raidt bestätigt, dass Schulveranstaltungen für Autor:innen ohnehin besonders seien – bei diesem Buch aber noch einmal mehr. Denn das Thema lebt davon, dass nicht nur ohnehin literaturaffine Kinder im Raum sitzen, sondern eben unterschiedliche Lebenswelten nebeneinander sichtbar werden.

Nicht oben und unten

Ein zentrales Spannungsfeld des Gesprächs ist die Sprache. Raidt betont, dass sie nicht mit Begriffen wie Oberschicht und Unterschicht arbeiten wollte. "Man darf nicht sagen, die einen sind oben, die anderen sind unten", sagt sie. Entscheidend sei gewesen, Kinder im Kopf zu behalten, die das Buch lesen und sich nicht gekränkt fühlen dürfen.

Auch das Lektorat mit Monika Osberghaus habe stark darauf geachtet, ob eine Formulierung verletzen, beleidigen oder zynisch wirken könnte. Raidt beschreibt soziale Ungleichheit nicht als Rangordnung, sondern als unterschiedliche Startbedingungen auf derselben Ebene. "Also in Wirklichkeit sind ja die Leute nicht oben", sagt sie. Alle bewegten sich auf der gleichen Ebene; das Bild von oben und unten mache "tatsächlich was im Kopf".

Dr. Stefan findet dafür im Buch ein prägnantes Bild: den Wettkampf. Alle starten auf einem Feld, aber nicht alle von derselben Linie. Die Buchstaben des Wortes Start liegen unterschiedlich weit vorn oder hinten, manche Figuren tragen Gepäck. Die Metapher macht sichtbar, was schwer zu erklären ist: nicht mangelnder Wille entscheidet allein, sondern auch, wo jemand losläuft und was jemand mittragen muss. So illustriert Raidt es auch in ihrem Buch sehr anschaulich.

Bourdieu für Kinder?

Mr. Ralf bringt Pierre Bourdieu ins Spiel, dessen "feine Unterschiede" auch im Hintergrund des Buches stehen. Für Raidt ist das Modell hilfreich, weil es nicht nur ökonomisches Kapital kennt, sondern auch kulturelles: Bildung, Museumswissen, Codes, Sicherheit in bestimmten Räumen. Sie sagt, kulturelles Kapital könne Kindern helfen, sich in Welten zu bewegen, die ihnen zunächst fremd seien.

Auf Dr. Stefans Frage, ob das Buch ein "Bourdieu für Kinder" sei, antwortet Raidt: "Ja, im Grunde.. Also wie eine Übersetzung oder eine Übertragung." Es gehe darum, Aspekte herauszusuchen, die für Kinder relevant und alltagstauglich sind. Nicht als Theorie-Lektion, sondern als Schlüssel, mit dem Erfahrungen eingeordnet werden können: Warum wirkt ein Museum fremd? Warum scheint ein anderer Esstisch eine eigene Sprache zu sprechen? Warum fühlt sich eine Einladung in ein anderes Zuhause manchmal wie ein Besuch in einer anderen Welt an?

Ein Buch als Schlüssel, nicht als Urteil

Der stärkste Impuls des Gesprächs liegt in dieser Verschiebung: Klassismus wird nicht als Etikett erzählt, sondern als Muster, das Kinder wiedererkennen können, ohne auf sich selbst oder andere herabzusehen. Raidt spricht von einer "Draufsicht", die ihr ein Gesprächspartner von Arbeiterkind.de als Kinderwunsch beschrieben habe: zu verstehen, dass das eigene Leben nur ein Ausschnitt ist und andere Menschen anders leben.

Über die Kinderbuchpraxis

"Kinderbuchpraxis" ist ein Podcast über Themen rund ums Kinder- und Jugendbuch. Dr. Stefan und Mr. Ralf sprechen jeden zweiten Freitag über aktuelle Entwicklungen auf dem Buchmarkt und über Bücher; häufig ist ein Gast dabei