"Wir müssen den Kleinen die Margen verbessern"
„Es hat keine Logik, den Großen mehr zu geben als den Kleinen“: In der Debatte um Rabattspreizungen nimmt der Verleger Matthias Ulmer die Verlage in die Pflicht. Jetzt sei die Zeit zum Handeln da.
„Es hat keine Logik, den Großen mehr zu geben als den Kleinen“: In der Debatte um Rabattspreizungen nimmt der Verleger Matthias Ulmer die Verlage in die Pflicht. Jetzt sei die Zeit zum Handeln da.
Die Monate der Pandemie haben die Strukturen im Buchhandel durcheinandergewirbelt. Digitale Angebote gewinnen eine Dynamik, die man schon nicht mehr zu hoffen wagte. Gedruckte Bücher scheinen als krisenfester Phönix jedem Lockdown zu widerstehen. Unabhängige Buchhandlungen erfahren Solidarität und Zuspruch von ihren Kunden, worauf sie jahrelang im Kampf gegen das Internet vergeblich gewartet hatten. Kleine Buchhandlungen glänzen mit fantasievollen Marketingaktivitäten und widerlegen alle Urteile über Trägheit und Schläfrigkeit, die man über sie gefällt hatte. Das stationäre Sortiment gewinnt trotz Lockdowns Marktanteile zurück. Die Marketingpower der großen Ketten scheint in dieser Phase ein zu grobes Werkzeug gegenüber der lokalen Verankerung der Kleinen. Und der Börsenverein scheint das Thema Rabattspreizung offensiv angehen zu wollen.
Wird nach dem Sturm eine Branche auferstehen, die durch ihre Vielfalt gestärkt dem Strukturwandel trotzt? Welche Prognosen kann man treffen? Ein Schlüsselbegriff für die Bewertung ist wohl die Liquidität. Wird der Strukturwandel durch eine Liquiditätskrise befördert oder sogar umgekehrt?
diese Diskussion ist ja tatsächlich keine neue. Es wird Zeit, dass endlich Konsequenzen gezogen werden.
In diesem Zusammenhang wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob der Börsenverein als Organ für die drei Bereiche des Buchhandels (Buchhandel, Zwischenbuchhandel und Verlage) überhaupt noch in der Lage ist, alle Belange gleichzeitig wahrzunehmen, denn Corona hat auch gezeigt, dass sich die Interessen der größten Brancheteilnehmer im Verhältnis zu den kleineren extrem auseinander entwickelt haben.
Förderlich wäre in diesem Zusammenhang eine Klarstellung der Regeln, denen wir uns in unserer Branche im Konsens zu unterwerfen haben - der stetige Versuch der Aushöhlung dieser Regeln kann nicht im Interesse der Mehrheit sein!
Was ich - schon ohne Corona - immer sehr bedaure, ist der deutliche Mangel an eigenlich "Muss"-Titeln.
Nur zu leicht gerät man in Versuchung, beim lieben A. nachzusehen, was der so alles hat ... und gar mancher Verlag kann sowohl bei seinen A. - wie auch Großhandelsumsätzejn feststellen, was beim Sortiment insgesamt so alles eben regelrecht gefehlt hat.
Ganz 'normale' Buchkäufer sind nämlich nicht nur an den vielen kleineren Sachbüchern interessiert, die in ziemlich vielen Buchhandlungen so reichlich angeboten werden - nein, viele Kunden wollen eben ganz etwas Profundes - nicht bloß die "Bestseller"
Auch für Verlage und Buchhandlungen ist gerade die Corona-Crise Anlass zu Besinnung, also tatsächlich auch hier positiv zu bewerten.
Offensichtlich braucht man fast überall erst ein Virus, um zu begreifen, dass neue Zeiten*) nicht nur angebrochen sind, sondern dass man dies auch begreifen entsprechend reagieren muss. Übrigens hatten in grauen Vorzeiten einige Verlage Abkommen mit auch kleineren Buchhandlungen, die für die Sortimenter etwas arbeitsintensiv aber auch lukrativ waren.
Gute und notwendige Gedankengänge, lieber Herr Ulmer, hoffentlich viel und gründlich gelesen und bedacht!
Ingeborg Gollwitzer - - Literaturkurier.net -
*) Schade, dass ich das nun nicht mehr miterleben kann!
Vielen Dank für diesen wohldurchdachten Beitrag, lieber Herr Ulmer! Besonders die Gedanken zum Zusammenhang von Titelredundanz, Uniformität des Handelsangebots und Preisgestaltung fand ich sehr spannend!
Eigentlich liegt es doch auf der Hand: Je mehr Originalität des Produkts, desto mehr Begehrlichkeit und desto größer der Preisspielraum.
Den gleichen Gedanken kann man auch mit der Lage des Ladenlokals durchspielen (ein Thema, das Herr Ulmer an dieser Stelle ja auch schon aufgegriffen hat): Je origineller der Laden, desto mehr Laufweg ist den KundInnen zuzumuten. Und desto weniger von den Erlösen muss dem Immobilienbesitzer zufließen. Trotz unserer 1B-Lage haben wir mit dem Buchladen am Freiheitsplatz in den vergangenen 25 Jahren ganze dreimal einen jeweils minimalen Umsatzrückgang erlebt, ansonsten nur Zuwächse. Am meisten übrigens im letzten Jahr. Wenn wir als austauschbarer Einheitsbrei wahrgenommen würden, wäre es nicht vorstellbar gewesen, diesen (vermeintlichen) Standortnachteil zu kompensieren.
Herr Ulmer hat beschrieben, wohin die Reise gehen muss, wenn wir eine kleinteilige und vielgestaltige Branche behalten wollen. Das braucht Zeit, Beharrlichkeit und Kreativität in allen Sparten. Und eine betriebswirtschaftlich darstellbare Geschäftsgrundlage.
Besonders gefallen hat mir der Satz „Es hat keine Logik, den Großen mehr zu geben als den Kleinen”. Denn diesen Satz kann man (Matthias Ulmer beschrieb es hier schonmal) um den Hinweis ergänzen, dass wir (alle) aktuell bei dem ganzen Konditionsgeschacher mit einigen Filialisten Buchhandelssysteme finanzieren, die schlussendlich, man muss es deutlich sagen, so in dieser Form eigentlich gar nicht funktionieren. Die Tragik besteht darin, dass viele Verlage ob ihrer Sichtbarkeit willen oder aufgrund einer irgendwie auf die Zukunft laufenden Wette hin bislang mit den eingeforderten und gewährten Maximalrabatten Geschäftsmodelle am Laufen halten, die ohne diese permanente Subvention gar nicht überlebensfähig wären. Ein Ende dieser Spirale steht somit aber nicht in Aussicht, das dicke Ende schwant einem hingegen schon. Und viel schlimmer noch, wir setzen als Branche mit dieser Nachgiebigkeit und dem damit verbundenen Aushöhlen der Buchpreisbindung die gesamte Branche und die eingeübte Branchenlogistik komplett aufs Spiel.
Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln
Meines Erachtens braucht es eine einfache Umsetzung des Rabatthandlings welche möglichst keinen Spielraum zur Umgehung erlaubt (ähnlich der Ladenpreisbindung).
Wie wäre es, wenn die Verlage zum festen Ladenpreis auch für jeden Titel / jede Ihrer Warengruppe einen einzigen Rabatt für alle (!) Buchhändler festlegen und zudem auf alle indirekten Rabatterhöhungen (Werbekostenzuschüsse, Partieexemplare, Freiexemplare) verzichten?
Dieser Rabatt liegt dann irgendwo zwischen "Rabatt-für-Filialisten-und-Amazon" und dem "Rabatt-für-eine-kleinere-Inhabergeführte-Buchhandlung", durch den Verzicht auf WKZ, Partie-Exemplare ... hat der Verlag hier zudem noch etwas "mehr Luft nach oben".
So könnte ein Verlag für seine Belletristik-Titel für die Buchhändlern (unabhängig von dessen Größe) beispielsweise als Reise- oder Jahreskonditionen einen Rabatt von 45% auf den Ladenpreis vorgeben. Für die kleinen Buchhändler wären dies einige Prozentpunkte mehr, für die großen Händler einige Prozentpunkte weniger.
Gleicher Verkaufspreis, gleicher Einkaufspreis - für alle Buchhändler: wäre doch durchaus spannend, wie sich dann die Machtverhältnisse in unserer Branche zukünftig entwickeln würden.