Interview mit Katja Splichal zum Publishers' Forum

Individuelle Lernumgebung

Einer der Schwerpunkte des diesjährigen Publishers' Forum in Berlin ist die Transformation der Lernmedien. Katja Splichal, Mitglied der Geschäftsleitung von Eugen Ulmer, über die Anforderungen an digitale Lernangebote – am Beispiel einer Lernplattform für die Berufsausbildung im Gartenbau.

Katja Splichal

Katja Splichal © privat

Der Launch einer digitalen Lernplattform des Eugen Ulmer Verlags steht unmittelbar bevor. Um welche Themenfelder geht es, und an wen richtet sich das Angebot?
Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, wie wir die Berufsausbildung im Gartenbau mit einer Lernplattform verbessern können, unseren Ansprüchen und denen unserer Kernzielgruppen weiter gerecht werden. Jeder Beruf hat andere Anforderungen, und in jedem haben die Auszubildenden bestimmte Lernfelder, die bei der Prüfung die größte Hürde darstellen. In unserem Fall ist das das Lernen einer großen Zahl von Pflanzen mit ihren botanischen Namen und ihren Eigenschaften, der typischen Verwendung. Naturgemäß stellt die größte Herausforderung auch den größte Hebel, den wesentlichen Produktnutzen dar.

Die zweite Aufgabe ist dann bei den meisten Ausbildungen gleich: wie kann man den Prozess des Lernens, der aus der Vermittlung von Grundlagenwissen, dem Verständlichmachen von Zusammenhängen und dem Einüben prüfungsrelevanter Inhalte besteht, sinnvoll abbilden. Hier geht es um eine Grundstruktur, die wir von Schulbuch, Musterprüfungen und Nachschlagewerken her kennen.

Die dritte Aufgabe ist dann die schwierigste und kann auch nur aus den Anforderungen der Nutzung in der Praxis entwickelt werden: Wie kann die Plattform sinnvoll für die Einbindung in den Schulunterricht und den betrieblichen Alltag ausgerichtet werden. Hierfür sind zahlreiche Möglichkeiten der direkten Kommunikation zwischen Lernenden und Lehrenden, Lernenden und Ausbildenden sowie zwischen Schule und Betrieb vorgesehen, mit unterschiedlichen Rechten ausgestattete Anwenderrollen, Content Upload und eine Nutzerverwaltung für eine individuellere Betreuung der Lernenden.

Was davon am Ende tatsächlich genutzt wird und die Ausbildung weiter bringt, wird im Livebetrieb getestet und entsprechend justiert. Das kann auch variieren und muss entsprechend personalisierbar sein.

Erwarten Sie, dass digitale Lernplattformen mittelfristig das klassische Lehrbuch ablösen?
Das Schulbuch war die Lösung für genau die gleichen Fragen, nur mit einem anderen Medium. Wenn es Aspekte des Lernens und Lehrens gibt, die besser mit gedruckten Medien erreicht werden können, dann werden wir diese drucken. Vermutlich betrifft das vor allem die Unterrichtsgestaltung. Die Lernplattform bietet Lehrenden und Lernende die Möglichkeit, sich entsprechende individuell passende Materialien zusammenzustellen und auszudrucken, als Einzelblätter oder als kurze Bücher Print on Demand.

Bieten Lernplattformen Verlagen die Möglichkeit, Inhalte sinnvoller zu monetarisieren, als dies derzeit mit Lehrbüchern der Fall ist?
Die Lerneffizienz - Qualität, Haltbarkeit, Praxisrelevanz und Prüfungserfolg - muss durch eine Lernplattform deutlich verbessert werden, sonst ist sie sinnlos. Damit steigt natürlich der Wert des Lernmittels gegenüber den bisherigen.

Der zweite Punkt ist die individuelle Anpassung an den Unterricht und vor allem die betriebliche Realität. Heute ist die Spezialisierung der Betriebe und damit auch die Ausdifferenzierung des benötigten Wissens viel höher. Schulbücher beschränken sich entweder auf den gemeinsamen Nenner, dann sind sie unvollständig, oder sie versuchen alles abzudecken, dann überfordern sie die Lernenden und sind schwer aktuell zu halten, verlieren schnell an Relevanz.

Und der dritte Punkt ist die sehr viel engere Beziehung der Auszubildenden zum Verlag. Wenn man als Verlag für den entsprechenden Beruf, bei uns etwa der Gärtner, weiterführende Zeitschriften, Fachbücher und digitale Angebote hat, dann ist die frühe Kundenbeziehung für die Monetarisierung wesentlich. Aus unserer Sicht eignet sich dafür nichts besser als die kontinuierliche, nutzwertige und medienübergreifende Interaktion miteinander - übrigens für beide Seiten von Vorteil, denn wir und unsere Produkte werden dadurch auch nicht schlechter.

Gibt es noch strukturelle Ähnlichkeiten zwischen der Lernplattform und einem Lehrbuch?
Beide Medien dienen der Unterstützung von Lehr- und Lernprozessen, wofür funktionale Mechanismen etabliert sind: Konfrontation und Auflösung, Wiederholung, Trial and Error, Kausalität und Indikation, die Ansprache möglichst vieler Sinne, Spiel und Wettbewerb und so weiter und so fort. Wenn man das als Struktur bezeichnen möchte, sind die Ähnlichkeiten groß.

Die Fragen stellte Michael Roesler-Graichen.

Das Programm des Publishers' Forum finden Sie hier.

0 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • ...

    Informationen zum Kommentieren

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

  • ...
    Mein Kommentar

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

    (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
    CAPTCHA image
    Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

    * Pflichtfeld

Bildergalerien

Video

nach oben