Deniz Yücel zur Diskussion um die rechten Verlage

Bitte zwischen Herrenklo und Besenkammer!

4. November 2021
von Deniz Yücel

Anhaltend wird darüber gestritten, wie die Buchmesse mit neurechten Verlagen umgehen sollte. PEN-Präsident Deniz Yücel meint: Die Rechten rauszuschmeißen, wäre für diese Leute der größte Propaganda-Dienst.

Deniz Yücel arbeitet als Journalist bei der »Welt« und ist Präsident des deutschen PEN-Zentrums 

Kein Mensch von Verstand und Geschmack hat etwas gegen die Freiheit des Wortes, jedenfalls theoretisch. Doch oft folgt dem leidenschaftlichen Plädoyer ein einschränkendes Aber. Dem möchte ich ein Auch entgegenhalten: Die Freiheit des Wortes ist auch die Freiheit des dummen Wortes; zur Freiheit der Kunst gehört auch die Freiheit der bescheuerten Kunst – auch dann, wenn es schwer erträglich ist. Weil die Freiheit des Wortes unteilbar ist. 

Ja, es gibt Grenzen. Doch bestimmen lassen sich diese nur im Einzelfall, was in einem Rechtsstaat Aufgabe der Gerichte ist. Zwar stehen Gerichte ebenso wenig außerhalb der Kritik wie die Gesetze. Aber nach meinem Dafürhalten hat die Rechtsprechung in Deutschland einen im Großen und Ganzen brauchbaren Katalog der Abwägung entwickelt, mit dem man zuweilen Grenzen setzt, im Zweifel aber meist für die Freiheit des Wortes entscheidet. 

Die unschöne Konsequenz: Solange sie sich mit ihren Büchern oder ihrem Verhalten vor Ort nicht strafbar machen, muss die Messe auch solche Verlage dulden, die rechts­extreme Literatur publizieren. Das allein macht diese noch nicht »salonfähig«, und natürlich muss man nicht jedem Scheißdreck Respekt zollen, nur weil ihn jemand zwischen zwei Buchdeckel gepresst hat. Aus der Freiheit des Wortes erwächst kein Recht auf Widerspruchsfreiheit, was die erfolgreichen Klemmnazis – eher weinerliche Muttersöhnchen denn kruppstahlharte Zeitgenossen – so gern verwechseln. 

Einen größeren Propaganda-Dienst als ihren Rauswurf kann man diesen Leuten gar nicht erweisen, woran ein Antifaschismus, dem es nicht um die narzisstische Selbstinszenierung, sondern um eben die Bekämpfung des Faschismus geht, kein Interesse haben kann. Das entbindet die Veranstalter aber nicht von aller Verantwortung. Und weil sie in dieser Frage mehrmals Taktgefühl vermissen ließen, hier als Merksatz: Platzierung neben Blauem Sofa – nicht machen; Platzierung zwischen Besenkammer und Herrenklo – ja, passt. 

Auch die Kritik im Handgemenge muss man aushalten.

Deniz Yücel

Dabei weiß ich von anderen Autoren wie auch aus eigener Erfahrung, wie es ist, auf der Messe von muskulösen Beamten in Zivil in Manndeckung genommen zu werden. Und zwar nicht aufgrund eines vagen Unbehagens, sondern in­folge einer Lageeinschätzung des Landeskriminalamts mit konkretem Bezug zur Messe. Wer Gründe hat, auf der Messe um seine Unversehrtheit zu fürchten, sollte a) so redlich sein einzuräumen, dass dies etwas mit politischen Ansichten zu tun hat; und sich b) ans LKA Hessen wenden. Wird man dort leichtfertig abgewiesen, kann man das immer noch öffentlich machen. 

Doch wer mit einer gefühlten Bedrohung argumentiert, politisch motivierte Anfeindungen umdeutet (»bedroht, weil Person of Color«) und das LKA nicht einmal kontaktiert, setzt sich dem Verdacht aus, dass es ihm bloß um Aufmerksamkeit geht. Oder gleich um eine kalkulierte Marketing­aktion. 

Und nein, der gesellschaftliche Diskurs findet nicht nur als wohltemperierter Austausch zwischen C4-Professoren statt; unterhalb der Schwelle zur Gewalt kann er selbst den Gesetzesbruch im minder schweren Fall einschließen. Auch die Kritik im Handgemenge (Marx) muss man aushalten. 

Befremdlich ist jedoch die Kopflosigkeit, mit der Institu­tionen aller Art häufig auf Empörung reagieren – erst recht, wenn es dabei um Organe mit exekutiven Befugnissen geht. Die Freiheit des dummen Wortes gilt auch beim Thema Meinungsfreiheit. Für jede Autorin, jeden Verlag, jeden Bürger. Aber – servus, Herr Minister Seehofer; hallo, Herr Oberbürgermeister Feldmann! – niemals für die Staatsgewalt.