Interview mit Detlef Bauer zur EU-Studie "Discoverability"

Sichtbar bleiben – eine Initiative der EU

1. Juni 2026
Redaktion Börsenblatt

Detlef Bauer im Gespräch darüber, was Europa und die Branche bisher gemeinsam erreichen konnten und weiterhin erreichen können, und welche Maßnahmen jetzt Priorität haben sollten, um "Closed Commerce" entgegenzuwirken und Auffindbar- oder Sichtbarkeit (Discoverability) dauerhaft zu sichern. Das Interview führte Kristina Kramer vom Börsenverein.

Sieben Personen sitzen auf einer Bühne und sprechen miteinander.

Conference on the discoverability of diverse European cultural content in the digital environment, April 2026
Panel mit Detlef Bauer und u.a. Georg Häusler ‐ Director for Culture, Creativity and Sport, DG EAC, European Commission.

Die EU diskutiert, wie europäische Kultur und ihre Inhalte im digitalen Raum sichtbar bleiben – und wie sich Marktmacht, Plattformlogiken und KI auf Auffindbarkeit, Vielfalt und fairen Zugang zu Kulturgütern auswirken.

Für die Buchbranche rücken damit Themen wie Metadatenqualität, Verfügbarkeit in allen EU-Sprachen, Übersetzungsförderung sowie Transparenz bei Suche und Empfehlungen in den Mittelpunkt. Neben der Federation of European Publishers (FEP) hat auch Dr. Detlef Bauer an der Studie mitgearbeitet, Input geliefert und den Prozess von 2023 bis heute mitbegleitet.

Die EU-Studie zur "Discoverability": Warum beschäftigt das Brüssel?

Detlef Bauer: Das Anliegen der EU-Kommission (Generaldirektion Bildung, Jugend, Sport und Kultur (EAC)) ist die europäische Kreativwirtschaft im globalen Handel mit Content zu unterstützen. Die Kreativwirtschaft kämpft für ihre Schöpfungen auf den großen Plattformen weltweit um Sichtbarkeit. Content aus den EU-Mitgliedsländern soll dabei global sichtbar gehalten werden. Denn der Wettbewerbsdruck auch in unserer Branche durch Inhalte etwa aus den USA, UK, Japan oder Korea ist groß.  Als wir uns 2023 auf Einladung einer Parlamentariergruppe (CCFG) in Brüssel das erste Mal mit Vertreter*innen vier anderer Branchen und der EU-Kommission zusammengesetzt haben, waren wir neugierig. Sofort wurde klar, dass bei einer Studie zu den Bedingungen von hoher Sichtbarkeit zwei Branchen Maßstäbe setzen und diese sich gleichzeitig in unterschiedlichen Phasen der Entwicklung befinden: das sind Musik und Buch. Das spiegelt sich nun auch in den Studienergebnissen wider.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erkenntnisse für die Buchbranche – und was folgt daraus ganz konkret?

Detlef Bauer: Zusammen mit Brüssel stehen wir ein für die Vielfalt europäischen Contents. Die bisher existierenden Datenbanken, wie etwa in Deutschland das VLB, DILVE in Spanien, IE in Italien neben denen der großen Handelsplattformen, garantieren gute Sichtbarkeit über ein qualifiziertes Angebot. Aber sowohl die Sichtbarkeit als auch das Angebot an sich können und müssen noch deutlich verbessert und erweitert werden. Dass daran auch die EU-Kommission ein großes Interesse hat, ist sehr erfreulich und wurde nicht zuletzt durch stetige Unterstützung des Kommissars Glenn Micallef und seiner Vorgängerin überzeugend zum Ausdruck gebracht.  

Sie sprechen von "Vielfalt europäischen Contents bei sehr guter Sichtbarkeit". Was heißt das in der Praxis und woran würde man messen, ob dieses Ziel erreicht wird?

Detlef Bauer: Wir haben in den letzten zehn Jahren insgesamt eine unglaublich gute Metadatenqualität erreicht, für die wir als Branche gelobt und durchaus beneidet werden. Die Verlage mit großem Budget liefern inzwischen dynamisch reiche Metadaten und sichern sich so fortwährend Sichtbarkeit für die Produkte. Denn Metadaten müssen ständig optimiert werden. Um sichtbar zu bleiben, ist es erforderlich, dass wir auf Veränderungen beim Suchtrefferranking auf Plattformen und in Bibliographien zeitnah reagieren. Das geht nur, wenn alle Teilnehmer im Markt über einen annähernd gleichen Wissensstand verfügen und so mitarbeiten können. Das erreichen wir, indem hohe kurzfristige Verfügbarkeit von Content in allen EU-Sprachen über regionale Produktion und Distribution – physisch wie als Download oder online – in allen europäischen Märkten gegeben ist.

"Closed Commerce" und Plattformlogiken: Welche Transparenz erwarten Sie bei Suchergebnissen und Algorithmen?

Detlef Bauer: Durch die rasante Entwicklung von KI-Agenten, die zunehmend selbständig im Auftrag des Kunden Kaufentscheidungen treffen können, benötigen wir bereits jetzt wieder andere Metadaten. Die dialogische KI-gestützte Suche benötigt weitere Informationen zu den Produkten, um ein gutes Ergebnis zu liefern. Dazu gehören umfassende Wiedergaben der Handlung, Aussagen zu Stil, zu Komplexität, zu Personen und zu Orten, zur Farbe des Covers und – sofern mit eingespeist - über die Interessen meiner Schwiegermutter. Danach entscheidet der Agent, was meine Schwiegermutter unter dem Weihnachtsbaum finden wird. Ich werde da gar nicht mehr beteiligt sein. Diese über klassische Metadaten hinausgehenden Informationen wiederum müssen allen Händlern zur Suche und Beratung in ihren IT-Lösungen bereitgestellt werden. Dem folgend muss der Kunde die Hoheit darüber behalten, wo der Agent schließlich den Kauf auslöst.

Ein gemeinsames Foto von Anne Bergman-Tahon und Detlef Bauer.

Anne Bergman-Tahon (Direktorin der FEP) und Detlef Bauer in Brüssel.

"Flood the zone": Was braucht die Branche, damit KI die Sichtbarkeit von Qualitäts- und EU-Content stärkt statt verzerrt

Detlef Bauer: Die schnell wachsende Flut von ausschließlich KI-generiertem Content macht es guten und sorgfältig erstellten Produkten schwerer, ihre Sichtbarkeit zu behalten. Die Forderung nach einer Kennzeichnung und Erkennbarkeit ausschließlich KI-generierten Contents wird unter anderem vom Europäischen Verlegerverband gefordert und wird ganz oben auf der Agenda der Verbände der europäischen Kultur- und Kreativwirtschaft bleiben. Daneben sollte man, und damit haben wir im Börsenverein begonnen, auch Verlage sensibilisieren, wie sie mit ihren Produkten und Content in Zukunft umgehen wollen (Handreichung zur Entwicklung einer verlagseigenen Haltung im Umgang mit KI).

Übersetzungen und kleine Sprachräume: Welche EU-Unterstützung wäre hier am wirkungsvollsten, damit auch Content der kleineren europäischen Sprachgruppen sichtbar und wirtschaftlich tragfähig wird?

Detlef Bauer: Literarische Trends und wichtige Bücher mit ihren Autor*innen entstehen regional in ihren manchmal sehr kleinen Sprachräumen durch Fantasie der Schöpfer*innen und Neugier ihrer Leser*innen. Aber erst, wenn sie übersetzt werden, strahlen sie überregional aus. Übersetzungen sind Leuchttürme für leicht übersehene Sprachen. In Brüssel ist man sich dessen bewusst. Gleichzeitig bleiben ihre Kosten eine große Hürde für eine Branche, in der jedes Buchprojekt vorfinanziert wird – und die meisten Titel am Ende allenfalls kostendeckend sind. Die FEP setzt sich daher gemeinsam mit ihren Mitgliedern und Partnern für eine deutlich stärkere, verlässlichere Förderung von Übersetzungen auf nationaler Ebene sowie auf EU-Ebene ein.

Wenn Sie drei Maßnahmen priorisieren müssten, die von der EU und unserer Branche in den nächsten 12 Monaten gemeinsam angestoßen werden sollten: Welche wären das – und wer müsste dafür am Tisch sitzen?

Detlef Bauer:

  1. Neue Metadaten-Standards für die KI-Suche: Verlage, VLB und andere nationale Bibliographien, Aggregatoren, Händler und Produktmetadaten-Experten, wie wir es z.B. in der IG Produktmetadaten sind.
  2. Aufbau von Produktdatenbanken in den Märkten Mittel- Ost- und Südosteuropas: Verlegerverbände, Verlage und Händler, technische Dienstleister und vermittelnd die Generaldirektion EAC.
  3. Transparenz in der Funktion von Plattform- und Empfehlungssystemen erhöhen und Fortbildung: Plattformen, Händler und Datenlieferanten. Und für die kleineren Marktteilnehmer EU-finanzierte Fortbildungsprogramme, die ihnen Einsicht in die Dynamik und Funktion der Regeln von Sichtbarkeit gewährt.

Die EU-Kommission hat für all das mit der Studie ein sehr gutes Fundament geschaffen auf dem nun weiter gebaut werden kann und muss!

Das Interview führte Kristina Kramer, Director European and Public Affairs beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels und Dr. Detlef Bauer von der Libri GmbH

Weiterführende Links

Über die Studie: https://culture.ec.europa.eu/whats-new/news/new-study-recommends-improvements-for-the-discoverability-of-european-cultural-content-online   

Link zum Download der Studie: https://culture.ec.europa.eu/whats-new/events/conference-on-the-discoverability-of-diverse-european-cultural-content-in-the-digital-environment

Über die FEP: https://fep-fee.eu