IG Belletristik und Sachbuch

Von SEO zu GEO und ein Trip nach Braunschweig

21. Januar 2026
Sabine van Endert

Was KI alles nicht kann und warum Hören das neue Lesen ist – Katharina Zweig und Christoph Engemann haben bei der IG BellSa am 20. Januar in München ihr Publikum zum Denken verführt. Zwei Podien befassten sich mit Sichtbarkeit im Netz und crossmedialen Markenmodellen. Den größten Applaus aber gab es für etwas, das nicht kommt: die EU-Entwaldungsverordnung für Druckerzeugnisse. 

IG Belletristik und Sachbuch 2026 - erste Reihe, außen: der Medienwissenschaftler Christoph Engemann

IG Belletristik und Sachbuch 2026 - erste Reihe, außen: der Medienwissenschaftler Christoph Engemann

Was kann KI im komplexen Buchuniversum? Diese Frage wollte Katharina Zweig beantworten, Professorin am Fachbereich Informatik der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau und Bestseller-Autorin. Ihr Bestseller "Weiß die KI, dass sie nichts weiß?" (Penguin) beschäftige sich mit sinnvollen Einsatzmöglichkeiten von Chatbots und KI-Agenten – und zeige, wo sie eher wenig hilfreich sind. Die Informatikerin warnte davor, der KI die falschen Aufgaben zu stellen – und sie für intelligent im gebräuchlichen Sinn des Wortes zu halten.  

Was KI kann – und was nicht

Den Aktionsradius von Firmen oder Branchen teilte Zweig dafür zunächst in fünf Systeme ein: Alltag, Ressourcenverteilung, Ausnahmebehandlung, Intelligenz und Identität. Der Einsatz von KI ist ihrer Meinung nach nur in den ersten beiden Stufen sinnvoll. Zweig erklärt, was wir alle eigentlich wissen, nämlich dass KI nicht "intelligent" ist. Vielmehr zerlegt sie Informationen in Millionen kleinster Einheiten, automatisiert Problemlösungen, trifft Entscheidungen aufgrund großer Datenmengen. Dass sich KI für uns intelligent anfühlt, liege daran, wir "hinter Kommunikation immer Intention vermuten und das lässt sich fast nicht abstellen", so Zweig. Was die KI weiß, sind statistische Wahrscheinlichkeiten. Damit lässt sich arbeiten. Aber nicht, wenn es zum Beispiel um Werturteile oder Risikovorhersagen geht, meint die KI-Expertin. Zweig: "Genau das trauen wir der künstlichen Intelligenz zu, obwohl sie genau das eben nicht kann."

Bestseller vorhersagen – kann der Praktikant

Eines ihrer Beispiele: die Vorhersage von Bestsellern. Das könne KI zu 75 Prozent, indem statistisch ausgewertet wird, wie die vorherigen Bücher sich verkauft haben, wie viele Follower der Autor, die Autorin, ob es Öffentlichkeit in Talkshows o.ä. gibt – "mehr sieht die KI nicht und das kann jeder Praktikant dann auch". In vielen Verlagen dürfte das zumindest differenzierter gesehen werden. Dagegen könne KI Autor:innen bei Social Media unterstützen, bei der Backlist-Analyse oder als Sparringspartner bei der Titelfindung dienen. Grundsätzlich sollte die Branche laut Zweig an der Spitze der von ihr definierten Systeme aktiv werden, der Frage nach der Identität: "Wir müssen darüber reden, wer seid Ihr? Wer wollen wir gemeinsam sein?"

Modellverlag gesucht

Und was ist z.B. mit agentischen Modellen? Die "haute volée der Buchbranche", als die der Moderator, der Autor und Buchblogger Timothy Sonderhüsken, die Teilnehmer:innen der IG BellSa bezeichnete, wünschte sich offenbar mehr. Zweig bot an, gemeinsam mit ihren Studenten einmal dezidiert durchzuspielen, was ein Verlag mit seinen vielfältigen Aufgaben und Anforderungen von KI erwarten kann. Erste Bewerbungen sind bereits eingegangen.

Muss das Buch seinen Platz neu finden?

Das Buch verliert seine Sonderstellung bei den Formathierarchien, Texte werden mehr und mehr von Audios abgelöst – das glaubt der Medienwissenschaftler Christoph Engemann (Ruhr-Universität Bochum) und befürchtet, dass in Zukunft nur noch eine kleine Elite des Lesens von Büchern fähig sein wird. Er verweist darauf, dass sich das Wissen ins Digitale verlagere, auf YouTube, TikTok und Instagram entstehe eine Art "virtueller Universität" – und seine Studenten würden sich längst dort statt in der Bibliothek bedienen. Wissen muss nicht mehr zwingend durch das Nadelöhr Buch. Engemann: "Podcasthörer:innen und Konsument:innen von YouTube-Videos verlassen sich darauf, dass andere für sie lesen und die Konzentrationsleistung übernehmen. Es sind Leser:innen, die selbst lesen könnten, aber lesen lassen."

 

Spracherkennung – die eigentliche KI-Revolution

Speech-to-Text-Engines, auch Automatic Speech Recognition (ASR) genannt, die maschinellen Verfahren für Spracherkennung, die seit 2009 funktionieren, und die gesprochene Sprache in Text für die Weiterverarbeitung in Plattformen transkribieren, bezeichnet Engemann als die eigentliche KI-Revolution. Sie ermöglichen den Plattformbetreibern dank Matching mit Keywords das zielgruppengerechte Ausspielen der Werbeanzeigen. Engemann: "Mit dem Zuordnungsgeschäft wird das Geld verdient." Mehr über die Veränderungen des Lesens durch die Plattform-Oralität gibt es in Engemanns Buch "Die Zukunft des Lesens" (Matthes & Seitz). Antworten auf die Frage, wie das Buch seine herausragende Stellung in der Wissensgesellschaft der Zukunft sichern kann, gibt der Medienwissenschaftler allerdings nicht. 

Crossmedial denken

Ein mit Anuschka Albertz (Ravensburger), Sandra Hermes (Bastei Lübbe), Tina Juergens (Zebralution) und Maria Meibohm (Buchhandlung Graff, Braunschweig) besetztes Panel befasste sich unter dem Titel "Ein gutes Buch zu machen, reicht nicht mehr!" mit crossmedialen Markenmodellen. Unter der Moderation von Hermann Eckel (Booxite) erzählte hier Maria Meibohm noch einmal die beeindruckende Erfolgsgeschichte der Buchhandlung, deren wichtigste Stichwörter signierte Bücher, Cousin Fred, der zum Influencer wurde, die Teilnahme an Buchmessen und neuerdings auch an Romance-Festivals sind. Für Verlage, die noch partizipieren möchten am neuen New-Adult-Hype hatte Meibohm schlechte Nachrichten: Der Markt sei absolut gesättigt.

 

Im Netz gefunden werden

Chatbots fressen Klicks und Traffic – ein weiteres Panel mit Laura Engel (Dussmann), Albrecht Mangler (Open Publishing Bilandia), Thomas Szász (piano.io) und Natalja Schmidt (Knaur- und Bramble-Verlagsleitung) versuchte zu klären, wie Bücher und der Buchhandel im Netz für Leser:innen auffindbar bleiben. Dussmann setzt dabei auf Community, u.a. mit einer neuen Kundenkarte, Verlegerin Schmidt beklagt, dass sich im Netz mittlerweile zu viele zu professionell um Aufmerksamkeit bemühen. Thomas Szász prophezeit, dass der Traffic dank AI für alle entscheidend zurückgehen werde: von SEO zu GEO eben, d.h. die klassische Suchmaschinenoptimierung (SEO) wird von Generative Engine Optimization (GEO) verdrängt, die Inhalte für KI-gestützte Systeme wie ChatGPT optimiert. Was tun? Direkten Traffic erhöhen; alle Wege abseits von Google beschreiten und ausbauen, Inhalte vor KI-Datenklau so gut abschotten wie möglich.

Rechtsfragen

Donnernden Szenenapplaus gab es für das Trio Susanne Barwick (Stv. Justiziarin des Börsenvereins), Kristina Kramer (Stv. Direktorin für europäische und internationale Angelegenheiten) und Birgit Reuß (Leiterin Berliner Büro des Börsenvereins) – und zwar beim Bericht über den Erfolg, den sie bei der EU-Entwaldungsverordnung erzielt haben (Bücher aus Entwaldungsverordnung herausgenommen).

Das war‘s

"Eine legendäre Konferenz geht zu Ende, viele haben schon seit Stunden den Raum verlassen". IG BellSa-Sprecherin Ulrike von Stenglin hat übertrieben. Auf ihrem Zettel nach dieser inspirierenden Tagung steht übrigens neben KI-Fomo und SEO zu GEO auch ein Trip nach Braunschweig zur Buchhandlung Graff.