Gemeinsame Jahrestagung von LG Buch und IGUS

"Sind wir etwa eine Branche ohne Inflation?"

1. Juni 2026
Christina Schulte

Rund 150 Buchhändler:innen kamen vom 29. bis 31. Mai zur gemeinsamen Jahrestagung der LG Buch und der IG Unabhängiges Sortiment in Erfurt zusammen. Ein abwechslungsreiches Programm und die Möglichkeit zum intensiven Austausch sorgten für gute Stimmung.

 Andrang an den Büchertischen der Partnerverlage

 Andrang an den Büchertischen der Partnerverlage 

Iris Hunscheid am Rednerpult

Iris Hunscheid, Vorsitzende des Sprecher:innenkreises der IGUS im Börsenverein

Kämpferisch gab sich Buchhändlerin Iris Hunscheid, Vorsitzende des Sprecher:innenkreises der IGUS im Börsenverein – trotz aller Schwierigkeiten wie etwa dem hohen Kostendruck, dem der Buchhandel ausgesetzt ist. Ihren Kolleg:innen rief sie am Samstag zu: "Habt keine Angst vor angemessenen Preisen. Die meisten unserer Kunden haben mehr als Geld als wir. Verhandelt härter mit den Verlagen, holt bessere Konditionen heraus."

Hunscheid zeigte sich erstaunt über so manche Preisgestaltung von Titeln aus dem Herbstprogramm: "Da kostet das neueste Buch einer Krimireihe 17 Euro, derselbe Preis wie vor fünf Jahren, als Band 1 erschienen ist. Sind wir etwa eine Branche ohne Inflation?"

Katrin Röttgen, ebenfalls Vorsitzende, bedankte sich bei Thomas Richter, dem geschäftsführenden Vorstand der LG Buch, für die gute Zusammenarbeit und die gemeinsame Organisation der Tagung. Mit der hohen Teilnehmerzahl sei nun fast wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht.

Bevor das Programm richtig losging, schallte für drei Geburtstagskinder ein dreistimmiges "Viel Glück und viel Segen" durch den Tagungsraum – unter der musikalischen Leitung des ausgebildeten Opernsängers und Buchhändlers Daniel Hagemann vom IGUS-Sprecher:innenkreis.

Ein Bäcker entstaubt sein Handwerk

Die Stimmung war damit schon angeheizt, eine Steigerung aber noch möglich. Axel Schmitt, Bäcker, Konditor und GU-Autor, rockte das Podium mit einer musikalischen Einführung per Video, in der es Konzertausschnitte zu sehen gab. Schmitt ist auch als Bäcker beim Wacken-Festival aktiv und spielt selbst Schlagzeug in einer Heavy Metal Band. In seinem Impulsvortrag ging es um den Blick über den Tellerrand. "Wann hast Du das letzte Mal gedacht: Ich kann mehr?", fragte er ins Publikum. Als Schmitt vor rund zehn Jahren die Familienbäckerei in einem kleinen fränkischen Ort von heute auf morgen übernommen hat, weil sein Vater plötzlich gestorben war, hat er sich zunächst "unverhandelbare Spielregeln" gegeben. Dazu zählen, eine Marke mit Gesicht und Emotion, Ehrlichkeit und Transparenz oder Modernisierung, Digitalisierung aller Bereiche.

Axel Schmitt, Bäcker, Konditor und GU-Autor, stellt sein Erfolgsrezept vor

Was bei Schmitt im Kleinen anfing, wurde immer größer. Heute ist er gefragter TV-Bäcker, Social-Media-Star und GU-Bestsellerautor, hat 70 Angestellte und verkauft seine Backwaren bis nach China. Sein Tipp: "Nehmt euch ein Projekt und fangt an. Es muss nicht gleich alles groß und perfekt sein."

Notfallkoffer und Unternehmensnachfolge

In viele inhabergeführten Buchhandlungen steht ein Generationswechsel vor der Tür. Berater Lutz Wissenbach wies in seinem Vortrag darauf hin, dass das Thema in anderer Hinsicht schon viel früher beackert werden muss. Auf die Frage, wer eine Unternehmervollmacht ausgestellt hat, gingen im Saal nur sehr wenige Hände hoch. "Die Dinge für eine plötzliche eigene Abwesenheit zu regeln, gehört zur unternehmerischen Verantwortung und ist Teil des Risikomanagements", sagte Wissenbach. Das habe nichts mit dem Alter zu tun.

Die eigentliche Nachfolge brauche eine Vorbereitungszeit von drei bis fünf Jahren und solle rechtzeitig angegangen werden. "Nur wer gut vorbereitet ist, kann sein Unternehmen bestmöglich übergeben und einen guten Preis erzielen", so Wissenbach. Was in dem Prozess oft unterschätzt werde, sei das Loslassen. Auch das müsse eingeplant werden.

Daniel Hagemann wendet sich nach links, seinem Gesprächspartner zu und spricht lächelnd ins Mikrofon

 Daniel Hagemann

Gespräche zum Deutschen Buchhandlungspreis

Eine aufschlussreiche Talkrunde lieferten Daniel Hagemann aus dem IGUS-Sprecher:innenkreis und Börsenvereinsvorsteher Sebastian Guggolz. Der Verleger betonte, dass ihm sein Ehrenamt viel Freude bereite und er vor allem in die politische Arbeit noch tiefer einsteigen wolle. Er sehe im Kulturhaushalt im Vergleich zum Gesamthaushalt noch finanziellen Spielraum und wolle sich weiter für die strukturelle Verlagsförderung und für die Förderung des Buchhandels einsetzen. In Sachen Buchhandlungspreis sagte Guggolz: "Auf Arbeitsebene sind wir konstruktiven Gesprächen zur Fortführung des Preises." Als Vorsteher, der seit Oktober 2025 im Amt ist, nehme er gerade möglichst viele Termine wahr, "um zu Netzwerken und Menschen und deren Positionen kennenzulernen".

Sebastian Guggolz lacht und spricht ins Mikro, Blick nach rechts

Sebastian Guggolz

 Thomas Richter steht gestikulierend auf dem Podium

Partner der IGUS-Jahrestagung: Thomas Richter, LG Buch

Die Vielfalt des Miteinanders

Thomas Richter, geschäftsführender Vorstand der LG Buch, hatte einen unterhaltsamen Film mitgebracht, in dem Buchhändler:innen und Partnerverlage der LG Buch in kurzen Sequenzen beschreiben, was sie unter "gemeinsam" verstehen. Die Palette reichte von: Ideen entwickeln, im Austausch bleiben, gemeinsam laut sein, Leidenschaft teilen bis hin zur Mission, Bücher zu den Lesern bringen.

"Das Gemeinsame ist bereits Teil unseres Alltags", betonte Richter. "Aber da geht noch mehr." So könne man das Verständnis füreinander weiter vertiefen und jeder könne überlegen, wo er sich einbringen wolle. Es gebe genug Möglichkeiten, weiter an dem Ziel eines engeren Miteinanders zu arbeiten.

Nicht bei Milliardären kaufen

Der Bremer Buchhändler Michael Hocke (Albatros Buchhandlung) hat vor rund einem halben Jahr die Plattform buchnah.de ins Leben gerufen. Damit will er dem unabhängigen Buchhandel mehr Sichtbarkeit im Netz verschaffen. Sortimenter können sich registrieren lassen, Verlage und Autor:innen ihre Bücher verlinken. Börsenblatt Online berichtete mehrfach (etwa hier und hier). Rund 160 Buchhandlungen sind derzeit auf der Plattform dabei. In Erfurt wurde dafür geworben, dass sich alle LG Buch-Buchhandlungen und alle Partnerverlage dort listen lassen sollten.

 Kristof Magnusson liest am Rednerpult und deutet mit der Hand nach rechts

Bestseller-Autor Kristof Magnusson las aus seinem neuen Buch „Die Reise ans Ende der Geschichte“

Persönliche Widmung von Kristof Magnusson

Ein Programmpunkt der Tagung bleibt immer bis zuletzt geheim: Blind Date-Lesung steht da nur. Dieses Mal hat der LG Buch-Partnerverlag Klett-Cotta für die Überraschung gesorgt und Kristof Magnusson nach Erfurt gebracht. Der Bestseller-Autor las aus seinem neuen Buch "Die Reise ans Ende der Geschichte". Am Signiertisch bildetet sich hinterher eine lange Schlange und er schrieb etliche persönliche Widmungen in seine Bücher.

Nicht die Bücher von Magnusson stießen auf großes Interesse. Auch an den Büchertischen der anderen Partnerverlage gab es regen Andrang und intensive Gespräche.

Drei Gesprächspartner auf dem Podium, im Vordergrund Auditorium

Talk mit Theresa Donner vom IGUS-Sprecher:innenkreis (rechts): Nicole List, Inhaberin der Buchhandlung List in Wien, und Florian Keck, gemeinsam mit Lars Claßen Gründer und Inhaber des Kjona Verlags

Abomodell in der Diskussion

Eine mutige Unternehmerin und ein mutiger Unternehmer kamen im Talk mit Theresa Donner vom IGUS-Sprecher:innenkreis zu Wort: Nicole List, Inhaberin der Buchhandlung List in Wien, und Florian Keck, gemeinsam mit Lars Claßen Gründer und Inhaber des Kjona Verlags. Nicole List hat im Frühjahr 2023 Hartliebs Bücher von Petra Hartlieb übernommen und unter neuem Namen wiedereröffnet. Sie sei gut in wirtschaftlichen Dingen und in Zahlen und habe gewusst, was es heißt, sich selbständig zu machen. Die Arbeitszeit allerdings habe sie unterschätzt. "Ich muss viel geben, um den Standort zu erhalten", so List.

"Alles für die Nachhaltigkeit": Das ist das Motto des Kjona Verlags. Der Ende 2021 gegründete Verlag habe die Wirtschaftlichkeit noch nicht erreicht, sagte Keck. Es sei sehr schwierig, Sichtbarkeit für die Inhalte zu generieren, vor allem auch, wenn das Neue an Glanz verliere.

Eine Diskussion entspann sich um das Abomodell von Kjona, mit dem der Verlag Endkunden seit rund einem halben Jahr ein Bücherabo anbietet. Keck sieht das als Möglichkeit, die Einnahmesituation zu verbessern, einige Buchhändler:innen wiederum kritisierten, dass sie dabei übergangen würden. Zur Zahl der Abonnenten äußerte sich Keck nicht. Versöhnlichere Stimmen wiesen darauf hin, dass fast alle Verlage im Direktgeschäft aktiv seien. Es ging also durchaus diskussionsfreudig zu in Erfurt. Aber auch das ein Pluspunkt: Man spricht miteinander und nicht übereinander.