Podcast "Loslegen"

Literaturagenturen: Vom richtigen Vibe zum Vertrag

11. Juni 2026
Redaktion Börsenblatt

Literaturagentin Monika Kempf spricht in "Loslegen" mit Katharina Eichler, Salesanalyst bei der Penguin Random House Verlagsgruppe, und Lisa Felbinger, Verlagsleiterin bei ruach.jetzt, über eine Arbeit, die für viele Schreibende noch immer schwer greifbar ist: Literaturagenturen. Unter anderem beleuchten sie Chancen für Newcomer und die Frage, warum Vertrauen in der Buchbranche mehr ist als ein weicher Faktor.

Headshot: Monika Kempf mit offenem Haar - unscharf im Hintergrund ein Büro

Monika Kempf

Die Agentur als Filter

Für Kempf beginnt Agenturarbeit lange vor Verhandlungen. In Posteingängen, auf Rechnern, Festplatten und sogar Schreibmaschinen seien unzählige Projektideen und Manuskripte unterwegs. Verlage könnten diese Menge nicht allein bewältigen. Agenturen prüfen, ordnen, gewichten: Wo steckt Potenzial? Zu welchem Programm passt ein Stoff? Welche:r Lektor:in könnte dafür brennen?

Aus Verlagssicht seien Agenturen “eine Art Filter”, sagt Kempf. Für Schreibende bedeutet das: Sie bekommen nicht nur eine Vertreterin, sondern jemanden, der Manuskripte übersetzt in die Logik von Programmen, Zielgruppen und persönlichen Zuständigkeiten. Gerade Newcomer profitieren davon, wenn ein Text nicht irgendwo landet, sondern auf dem richtigen Schreibtisch.

Newcomer und die Blackbox "Agentur"

Kempf kennt beide Seiten. Sie hat im Lektorat großer Publikumsverlage gearbeitet, bevor sie ihre eigene Agentur gründete. Der Impuls dazu kam aus einer einfachen Frage: Bei welcher Agentur würde sie sich bewerben, wenn sie selbst Autorin wäre? Viele Auftritte wirkten auf sie damals zurückhaltend; sichtbar waren Namen und Erfolge, aber selten die Menschen dahinter.

Ihre Agentur sollte deshalb jünger, lockerer und niedrigschwelliger wirken. Nicht, weil sie nur junge Stoffe vertritt, sondern weil Manuskripte oft Herzensprojekte sind. Wer ein solches Projekt einreicht, sucht nicht nur Kompetenz, sondern ein Gegenüber. Kempf bringt es auf den Punkt: “Es ist ein Vertrauensverhältnis Und dass kann man am schnellsten und am leichtesten schaffen wenn von Anfang an, der Vibe stimmt.”

Social Media wurde dafür wichtiger als erwartet. Instagram war zunächst als begleitendes Personal Marketing gedacht. Inzwischen finden Schreibende Kempf darüber, empfehlen sie weiter oder bekommen erstmals eine Vorstellung davon, wie eine Literaturagentur arbeitet. Social Media öffnet ein Fenster in ihre als Blackbox empfundene Tätigkeit als Agentin.

Matching statt höchstes Angebot

Auch bei der Vermittlung an Verlage denkt Kempf in Beziehungen. Wenn mehrere Häuser interessiert sind, zählt für sie nicht nur die Summe. Entscheidend sei, wo Autor:innen gesehen werden, welches Umfeld trägt und wo Konflikte lösbar bleiben. Ihre Leitfrage lautet: “Wo ist das Umfeld als Ganzes am besten?”

Damit beschreibt sie Agenturarbeit als langfristige Begleitung. Nach Vertragsabschluss hört sie nicht auf: Kempf schaut auf Coverentwürfe, Programmplanung, Pressearbeit, Erscheinungstermine und die oft unsichere Phase rund um Debüts. Mal ist sie kreative Sparringspartnerin, mal dritte Meinung, mal jemand, der vorsichtig nachhakt.

Bei der Manuskriptauswahl verbindet sie Marktbeobachtung mit Instinkt. Businesspläne für Literaturagenturen sieht sie skeptisch; zu vieles bleibe zum Zeitpunkt der Akquise unklar. Manchmal sei ein Stoff schwer vermittelbar, aber eine Autorin zu stark, um sie ziehen zu lassen. Dann heißt es: versuchen, offen kommunizieren, weitersehen.

Zwischen Novitätenlogik und langem Atem

Das Gespräch weitet den Blick auf die Branche. Kempf sieht Bewegung bei Work-Life-Balance, Generationenwechsel und Frauen in Führungspositionen, aber auch Grenzen: Gerade im Lektorat funktionierten manche Jobs kaum ohne Überstunden und Manuskripte im Privatleben. Der Nachschub höre nie auf.

Spannend ist auch die Frage, ob die Branche Leser:innen zu wenig zutraut. Kempf hat den Eindruck, dass längere Abstände zwischen Büchern angenommen werden und soziale Medien ältere Titel wieder sichtbar machen können. Gleichzeitig drängen Novitäten in Programme, Handel und Online-Sichtbarkeit. Kempfs nüchterne Frage dazu: “Wo sollen sie alle hin?”

So entsteht ein Bild von Agenturarbeit, das weit über das Weiterreichen von Manuskripten hinausgeht: filtern, vermitteln, begleiten, schützen, ermutigen. Kempf nennt es “eine Arbeit zwischen hoffen Bangen und manchmal geht es auf und manchmal gibt's nicht auf.” Genau dort liegt die Spannung: zwischen Marktlogik und Bauchgefühl, zwischen Manuskriptflut und dem einen Text, den eine Agentin nicht ziehen lassen kann.

Über den Podcast "Loslegen"

"Loslegen" ist der Podcast für mehr Innovation in der Buchbranche, ein Angebot der IG Digital im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Das Börsenblatt ist Hostingpartner.

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