Gendern in der Literatur (8)

Katharina Gerhardt: "Hinter dem Furor steht auch eine gewisse Rotstift-Haltung"

25. Juni 2021
von Sabine Cronau

Was für die einen die deutsche Sprache vollends ruiniert, sehen andere als Frage der Höflichkeit - im Gendersternchen steckt Konfliktpotenzial. Katharina Gerhardt, freie Belletristik-Lektorin, hat Erklärungen für den Furor, der sich dabei Bahn bricht. Und Tipps für Schreibende.

Porträtfoto Katharina Gerhardt

Katharina Gerhardt

Als freie Lektorin sind Sie in einer Sandwich-Position zwischen Verlagen auf der einen Seite und Autor*innen auf der anderen. Ist Gendern ein Thema bei Ihrer täglichen Arbeit?

Ich arbeite zu 70 Prozent für Verlage, zu 30 Prozent für Autor*innen, die mich direkt beauftragen. Das Thema Gendern wird dabei eher von den Schreibenden an mich herangetragen. Bei den Verlagen, darunter große Konzernverlage, steht es dagegen bisher nicht auf der Agenda. Hausorthografien sind bei allen selbstverständlich, aber Regelwerke fürs Gendern sind noch nicht an mich herangetragen worden. Ich bin gespannt, wie sich das entwickeln wird.

Raten Sie Autor*innen, die in ihren Romanen gerne gendern möchten, eher ab oder eher zu?

Das kommt ganz auf das Sujet und den Kontext an. Nehmen Sie einen Campus-Roman, der in der heutigen Zeit an einer Hochschule spielt. Da muss gegendert werden – weil es in die Zeit und an den Ort gehört. Schreibt eine Autorin, ein Autor dagegen einen Roman über ein besetztes Haus im Berlin der frühen 80er Jahre, dann würde eine geschlechtergerechte Sprache nicht dazu passen. Denn damals hat im linken Milieu niemand gegendert, auch wenn es vielleicht anders zu vermuten wäre. Sprache und erst recht einzelne Wörter haben oft einen Zeitindex, der sich auch in der Literatur widerspiegelt.

Jede Sprache hat ihre Zeit, jedes Milieu seine Codes. Beides sollte sich in der Literatur, etwa in Jugendromanen, spiegeln.

Katharina Gerhardt

Ein Beispiel?

Oh, da gibt es unendlich viele. Wenn in der Figurenrede eines Romans Begriffe wie „flotte Motte“ oder „dufte Biene“ vorkommen, würde ich das Setting immer im Berlin der 50er, 60er Jahre verorten. In den 80er Jahren hätte die entsprechende Romanfigur eine tolle Frau womöglich als „riesige Tussi“ beschrieben, heute würde sie vielleicht „geiles Teil“ sagen. Wichtig ist dabei, sich klarzumachen, in welcher Welt sich ein Text bewegt. Neulich habe ich im Schwimmbad 10jährige Jungs gehört, wie sie einander lautstark und immer wieder mit „Aldah, Diggah!“ angesprochen haben. Keiner von ihnen war alt oder dick. Hier ist Sprache ein Code, eine Vergewisserung der Zugehörigkeit. Jede Sprache hat ihre Zeit, jedes Milieu seine Codes und beides sollte sich in der Literatur – beispielsweise im Jugendroman – spiegeln, wenn sie authentisch sein will.

Sie lehren auch als Dozentin an der Uni und an Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Wie halten Sie es da mit dem Gendern?

Wie gesagt: Da bewege ich mich im Hochschulmilieu und dort ist es üblich und gewünscht, zu gendern. Wenn ich dort vor den Studierenden spreche, dann rede ich natürlich von Bibliothekar*innen oder Autor*innen. Ich versuche, allzu viele Wiederholungen zu vermeiden. Ich nutze also mal die männliche, mal die weibliche Form, mal beide und mal den „Glottal Stop“, die kleine Sternchenpause. Und trans Studierende frage ich selbstverständlich persönlich danach, wie sie angesprochen werden möchten. Das ist für mich einfach eine Frage der Höflichkeit.

Was Sie als Frage der Höflichkeit bezeichnen, ist für viele andere ein rotes Tuch. Warum steckt so viel Konfliktpotenzial im Gendersternchen?

Interessant finde ich den enormen Furor, der bei diesem Thema aufkommt – denken Sie nur an Elke Heidenreichs Wutrede zum Thema Gendern. Ich kann mir das nur so erklären, dass gerade wir Belletristen so nah an der Sprache, an den Emotionen und Figuren sind, dass uns dieses Thema besonders bewegt. Genau deshalb würde ich auch nie eine abstrakte Handreichung für alle Texte verwenden. Es kommt immer auf den Einzelfall an.

Sprache ist ja nicht aus Beton, sondern immer im Fluss, ein System, das sich ständig verändert.

Katharina Gerhardt

Furor ist eine schöne Formulierung für den Genderstreit. Welche Gründe für die Wut, die sich da Bahn bricht, sehen Sie noch?

Ich glaube, der Furor geht auch auf eine gewisse „Rotstift-Haltung“ zurück: Ich weiß, wie es geht, ich hab das mal gelernt, ich weiß es besser – das ist uns aus dem Lektorat ja nicht ganz unbekannt. Lösen lässt sich dieser Konflikt am besten im Aushandeln. Für mich ist Lektorieren immer Teamarbeit: Ich mache den Autor*innen Formulierungsvorschläge, stelle Fragen, oder nehme Hinweise von Übersetzer*innen dankbar auf. Oft ist es in der Arbeit am Text die dritte, gemeinsam erarbeitete Lösung, die sich als die beste erweist. Sprache ist ja nicht aus Beton, sondern immer im Fluss, ein System, das sich ständig verändert. Der Wandel gehört dazu. Und wie schnell wir uns an das Neue gewöhnen, zeigt für mich die Rechtschreibreform. Ich habe am Anfang auch gedacht, dass ich Fantasie niemals mit F schreiben werde. Heute geht mir das ganz locker von der Hand.

Wie lassen sich Gender-Gegner*innen vom Bäumchen holen?

Mit Sachlichkeit. Niemand wird ja zum Gendern gezwungen. Und ganz ehrlich: Was wird den Menschen denn genommen, wenn sie Texte mit Sternchen lesen müssen? Das ist für mich ähnlich wie bei der gleichgeschlechtlichen Ehe. Ich verliere nichts dadurch, dass ein lesbisches oder schwules Pärchen heiraten darf. Im Gegenteil: Es gibt nur Menschen, die etwas dazugewinnen. Die Gender-Debatte ist emotional und ideologisch extrem aufgeladen. Ich würde deshalb vorschlagen: Abrüsten!

Klar geht es auch um Macht – und um Repräsentanz.

Katharina Gerhardt

Abrüsten klingt nach Wettrüsten. Geht es beim Gendern auch um die Machtfrage?

Klar geht es auch um Macht – und um Repräsentanz. Denn dreht man den Spieß um und verwendet nur das generische Femininum, dann gibt es schnell männlichen Gegenprotest. Wir Frauen sind halt seit Ewigkeiten mitgemeint. Und das formt auch Bilder im Kopf. Es gibt ein sehr erhellendes Youtube-Video aus England, in dem Grundschulkinder darum gebeten werden, einen Feuerwehrmann, einen Kampfpiloten und einen Chirurgen zu malen und ihnen Namen zu geben. Fast alle Figuren heißen am Ende Bob, Jim oder Gary. Dann werden die Kinder gefragt, ob sie Lust haben, solche Menschen kennenzulernen. Kurz danach geht die Tür auf und herein kommen eine Feuerwehrfrau, eine Kampfpilotin und eine Chirurgin. Die großen Augen – gerade der Mädchen – sprechen Bände. Das zeigt doch sehr gut, worum es hier geht. Ich arbeite viel mit klugen, belesenen, sprachsensiblen Frauen zusammen. Warum soll ich die nicht auch als Autorinnen, Übersetzerinnen, Agentinnen oder Verlegerinnen benennen?

Wie viel Gendergerechtigkeit ist den Leser*innen literarischer Texte zumutbar?

Letztlich geht es immer um Lesbarkeit und Sprachgefühl. Wenn ein Text durch viele Beugeformen unleserlich wird, würde ich es wahrscheinlich in Absprache mit allen an der Textproduktion Beteiligten eher lassen. Ich bin kein Fan von Extremen. Ideologie ist nie gut, auch nicht in der Sprache. Aber selbst wenn es viele nicht glauben wollen: Es lässt sich tatsächlich elegant und geschickt gendern! Bei der Rechtschreibreform wurde der Untergang des Abendlandes heraufbeschworen. Der ist ausgeblieben. Das spricht dafür, dass wir auch das Gendern überleben.

Katharina Gerhardt arbeitet seit mehr als 20 Jahren als freie Belletristik-Lektorin - sowohl für Verlage als auch für Autor*innen. Sie ist Mitglied im Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL), der jüngst eine Versachlichung der Debatte gefordert hat (mehr dazu hier) und auf seiner Website einige Tipps rund ums elegante Gendern bereithält (mehr dazu hier).