Gendern in der Belletristik (5)

Mithu Sanyal: "Ich wünsche mir oft die Eleganz der englischen Sprache"

21. Juni 2021
von Sabine van Endert

Was für die einen die deutsche Sprache vollends ruiniert, verstehen andere als eine Frage der Höflichkeit - das Gendersternchen ist mittlerweile auch in der Welt der Literatur angekommen. Verlage gehen erstaunlich entspannt damit um. Zum Beispiel die Autorin Mithu Sanyal.

Mithu M. Sanyal, Autorin

Mithu M. Sanyal, Autorin

Wie halten Sie es mit dem Gendern in Ihren Büchern?
Ich gendere aktiv und exzessiv. Das liegt aber auch daran, dass mein Roman "Identitti" im universitären Milieu spielt und das nun einmal die Sprache der Protagonist*innen ist. In meinem nächsten Roman wird es eine Zeitreiseebene geben und Anfang des 20. Jahrhundert haben Menschen nun einmal nicht gegendert. Wirklich? Bei meiner Recherche habe ich herausgefunden, dass das keineswegs neue Debatten sind. Auch die Frage nach einem genderneutralen Pronomen wurde schon vor über 100 Jahren heftig diskutiert.  

Waren die Verlage für Ihre Vorstellungen offen?
Meine Verlage waren sehr offen dafür. Wir haben über alles verhandelt, aber nicht über das Gendern. Meine ersten beiden Bücher waren Sachbücher, in denen es um die Frage(n) von Geschlecht geht, da wäre es absurd gewesen, wenn sich das nicht auch in der Sprache abgebildet hätte.

Warum wird Ihrer Meinung nach in der Literatur noch so wenig gegendert? Die Verlage/Lektorate richten sich nach den Autor*innen, so das Ergebnis unserer Recherche. 
Das hat viel mit der Entscheidung der Duden-Redaktion zu tun, Gendern nur mit zusammengebissenen Zähnen zu akzeptieren.

Der Duden rät dazu, flexibel zu bleiben und unterschiedliche Formen geschlechtergerechter Sprache abzuwechseln. So empfiehlt es auch der Rat für deutsche Rechtschreibung, der für das amtliche Regelwerk zuständig ist. 
Ja, deshalb hält sich auch noch immer das Gefühl, Gendern wäre etwas Abwegiges, Privates, was man halt so macht, wenn man jung ist. Als wir nach der Rechtschreibreform angefangen haben, "dass" nicht mehr als "daß" zu schreiben, hat sich das wahnsinnig schnell normalisiert. So ist es jetzt halt, auch wenn ich persönlich dem "daß" hinterhertrauere. Im Radio darf ich in bestimmten Sendern Gendern und auf anderen nicht - auch bei Kommentaren zu Gender und Politik nicht. So hält sich noch immer der Anschein, dass man im Offiziellen Raum halt die besonders schöne/richtige Sprache benutzen muss.

Wären Empfehlungen fürs Gendern von der Duden-Redaktion / dem Rat für deutsche Rechtschreibung hilfreich?
Ja, wir haben noch immer keine Einigkeit, wie wir denn nun Gendern: mit großem I, mit Gendergap, mit Sternchen oder mit Doppelpunkt. Und wie deklinieren wir gendergerecht? des*der Pilot*in? In diesen Fällen wünschte ich mir häufig die Eleganz der englischen Sprache, die Geschlecht (ebenso wie die meisten Fälle) nicht markiert.

Über Mithu M. Sanyal

Mithu M. Sanyal wurde 1971 in Düsseldorf geboren und ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Journalistin und Kritikerin. 2009 erschien ihr Sachbuch „Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts" (Wagenbach), 2016 „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens" (Edition Nautilus). 2021 erschien bei Hanser ihr erster Roman "Identitti".

Unsere Gesprächspartner*innen zum Thema Gendern

Bereits erschienen


Demnächst

  • Annette Michael, geschäftsführende Verlegerin des Orlanda Verlags
  • Helga Frese-Resch, Programmleitung Internationale Literatur, Kiepenheuer & Witsch
  • Katharina Gerhardt, freie Belletristik-Lektorin


Eine ausführliche, zusammenfassende Analyse zum Thema Gendern in der Literatur finden Sie in der aktuellen Printausgabe des Börsenblatts, in unserem Spezial Belletristik (Heft 24 vom 17. Juni 2021)

Welche rechtlichen Aspekte müssen Verlage beim Gendern von Manuskripten beachten? Dazu lesen Sie hier ein ausführliches Interview mit Susanne Barwick, der stellvertretenden Justiziarin des Börsenvereins.