Wiederholte Verstöße gegen Erstverkaufstage haben das Fass zum Überlaufen gebracht: Die Buchhandlung Ute Hentschel aus Burscheid hat einen offenen Brief veröffentlicht, und inzwischen haben ihn über 600 Buchhandlungen unterschrieben. Der Brief richtet sich an Verlage und ihre Vertriebsabteilungen, kurz vor der Woche unabhängiger Buchhandlungen. Er stellt drei klare Forderungen.
Die erste lautet: Konsequenzen bei Verstößen gegen verbindliche Erstverkaufstage. Ein Erstverkaufstag, dessen Missachtung folgenlos bleibt, sei wertlos, schreiben die Unterzeichnenden.
Die zweite: Transparenz gegenüber allen Handelspartnern. Wie gehen Verlage mit Verstößen um, und wie wollen sie Wiederholungen verhindern?
Die dritte: ein wirtschaftlich wirksames Bekenntnis zum unabhängigen Buchhandel. Nicht nur in Grußworten und Sonntagsreden, sondern in konkreten Entscheidungen über Vertrieb, Exklusivität und Belieferung.
Ausgelöst wurde der Brief durch mehrere Vorgänge. Exemplare eines Titels von Rebecca Yarros wurden von Thalia zu früh verschickt – das Unternehmen veröffentlichte einen lustig gemeinten Instagram-Post, aber entschuldigte sich aber nicht. Der neue Thriller von Sebastian Fitzek tauchte wohl ebenfalls vorzeitig Buchhandel auf und war scheinbar auch in REWE-Filialen zu finden. Bei vielen unabhängigen Buchhandlungen kam statt der bestellten Sonderedition teilweise die reguläre Ausgabe an, ohne Vorwarnung. Und Videos sollen eine vorzeitige Präsentation eines neuen Titels bei Hugendubel zeigen. Die Buchhandlungen erwarten eine transparente Aufklärung.
Überhaupt sorgen Sonderausgaben für Verstimmung: Der Brief nennt exklusive Sondereditionen für große Ketten und exklusive Erstvermarktungen von Hörbüchern, die kleinen Buchhandlungen einen monatelangen Umsatznachteil bescheren. Auch Sonderflächen und privilegierte Präsentationen blieben vielen kleineren Häusern verwehrt – eine unfaire Handelspraxis, meinen die Unterzeichner:innen.
Besonders sauer stoßen ihnen die bekannten Sonntagsreden auf. Der unabhängige Buchhandel werde ständig als unverzichtbar gefeiert, während ihm immer neue Nachteile zugemutet würden. Warum Verlage die Vielfalt rituell beschwören und zugleich die größten Konkurrenten stärken, fragen sie.
Eine Branchenlösung ist nicht Sicht: Der Börsenvereinsvorstand hat bereits zur Sache getagt und über einen möglichen Kodex beraten. Verbindliche Erstverkaufstage müssten mit dem Bundeskartellamt abgesprochen werden – mit sehr vagen Erfolgsaussichten und hohem Verwaltungsaufwand. Eine Teilnahme für alle Marktteilnehmer wäre am Ende wohl trotzdem freiwillig. So blieb es bei einem eindringlichen Appell, Erstverkaufstage konsequent umzusetzen. Bei versehentlichen Verstößen sollen freiwillige Spenden ans Sozialwerk zur Regel werden.
https://www.boersenblatt.net/news/boersenverein/erstverkaufstage-wirtschaftlichkeit-ki-vorstand-tagt-frankfurt-447361
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