Angriffe auf Kyjiws Infrastruktur

Kulturelles Erbe unter Beschuss

3. Juni 2026
Redaktion Börsenblatt

Der russische Großangriff auf Kyjiw am 24. Mai hat Wohnungen mehrerer ukrainischer Autorinnen und Künstlerinnen sowie Schulen und Museen beschädigt. Die Angriffe trafen das Land eine Woche vor dem internationalen Literaturfestival Book Arsenal, unter dem Motto "Bear your freedom" fand es trotzdem statt.

Kharkiv, Ukraine - Krieg in Europa

Zerstörte Gebäude in Kharkiv

Der Beitrag, übersetzt von Heide Franck, ist zuerst auf der ukrainischen Branchenplattform Chytomo.com erschienen (mehr dazu hier).

Angriff auf Kyjiw - Schäden an Kulturinstitutionen und Wohnhäusern

Der russische Großangriff auf die Ukraine am 24. Mai beschädigte Kultureinrichtungen, Schulen und Wohngebäude in Kyjiw, darunter auch die Wohnungen berühmter ukrainischer Schriftstellerinnen und Künstlerinnen. Getroffen wurden unter anderem das Historische und Architektonische Schutzgebiet Altes Kyjiw, das Nationale Tschornobyl-Museum und das Nationale Kunstmuseum der Ukraine. Der Angriff erfolgte nur eine Woche vor dem Tag von Kyjiw, der während des internationalen Literaturfestivals Book Arsenal stattfindet, dem größten Buch-Event der Ukraine.

Betroffene Autorinnen und Künstlerinnen

Auch Wohnhäuser in Kyjiw wurden beschädigt oder zerstört, darunter die Häuser von zwei Gewinnerinnen des Taras-Schewtschenko-Nationalpreises – der Filmregisseurin Iryna Zilyk und der Bestseller-Autorin Tamara Duda. Duda ist insbesondere für ihren Roman "Dozja" ("Tochter") bekannt, der 2019 von BBC News Ukraine als Buch des Jahres und 2022 mit dem Taras-Schewtschenko-Nationalpreis ausgezeichnet wurde. Die Wohnungen der preisgekrönten Kinder- und Jugendbuchautorin Olena Sachartschenko, der Drehbuchautorin und Lehrerin Alisa Lindeman und der Künstlerin Julija Scheket nahmen bei dem Angriff ebenfalls Schaden.

Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete zudem von Schäden an zwei Schulen im Stadtbezirk Rajon Schewtschenkow.

Es kommt dasselbe Gefühl auf wie im Jahr 2022, als Russland sämtliche unserer Anlagen in der Sperrzone von Tschornobyl zerstörte. Es ist schlimm, aber die Hauptsache ist, dass alle am Leben sind.

Jaroslaw Jemeljanenko, Leiter des Verbands von Tschornobyl-Reiseveranstaltern

Kulturelle Einrichtungen: Tschornobyl-Museum und Kunstmuseum

 Seit seiner Gründung im Jahr 1987 bewahrt das Schutzgebiet Altes Kyjiw das historische Zentrum der ukrainischen Hauptstadt. Dazu gehört auch das Nationale Tschornobyl-Museum, das der Atomkatastrophe von 1986 gewidmet ist. Nach Renovierungsarbeiten hatte das Museum war erst kürzlich wiedereröffnet.

"Das Nationale Tschornobyl-Museum, ein architektonisches Denkmal, wurde zerstört. Es kommt dasselbe Gefühl auf wie im Jahr 2022, als Russland sämtliche unserer Anlagen in der Sperrzone von Tschornobyl zerstörte. Es ist schlimm, aber die Hauptsache ist, dass alle am Leben sind“, sagte Jaroslaw Jemeljanenko, Leiter des Verbands von Tschornobyl-Reiseveranstaltern.

Das Nationale Kunstmuseum der Ukraine, eines der größten und ältesten Kunstmuseen des Landes, wurde bei dem Angriff ebenfalls beschädigt. Nach den Einschlägen gab das Museum bekannt, auf unbestimmte Zeit zu schließen:

"Museumsmitarbeiter und zuständige Behörden begutachten derzeit das Gebäude, dokumentieren die Folgen des Angriffs und ermitteln das Ausmaß der Zerstörung. Das Museumsgebäude ist ein Denkmal für Architektur, Geschichte und Monumentalkunst von nationaler Bedeutung“, heißt es in einer Stellungnahme des ukrainischen Ministeriums für Kultur.

Der Hof ist mit Glassplittern von zerbrochenen Fenstern übersät. Die Menschen stürmen hinaus und begutachten ihre Autos im Schein von Taschenlampen.

Die Autorin Tamara Duda über das Geschehen nach dem Angriff

Berichte von Betroffenen

Über die Schäden an ihrer Kyjiwer Wohnung schrieb Iryna Zilyk, Filmregisseurin und Gewinnerin des Sundance Film Festivals im Jahr 2020:

Im Zimmer meines Sohns war die Tür aus den Angeln gerissen, bei den Nachbarn waren die Fenster zersplittert, der Einschlag hatte direkt auf der anderen Straßenseite getroffen. Rauchend gehe ich durch die Wohnung und sehe mich um. Ich bin gefasst, zittere aber am ganzen Leib. Es ist lange her, dass wir so rennen und uns im Flur zu Boden werfen mussten.

Zehn Minuten zuvor hatte ich mir noch Andrei Swjaginzews Dankesrede für die Goldene Palme bei den Filmfestspielen von Cannes angesehen. "Herr Präsident, bitte beenden Sie endlich dieses Gemetzel“, sagte der russische Regisseur. Einige Kritiker bezeichnen sein neues Werk als Antikriegsfilm, andere weisen jedoch darauf hin, dass der Krieg darin nie tatsächlich als Krieg benannt, sondern mit dem Euphemismus "militärische Spezialoperation“ verhüllt wird. Der "Herr Präsident“ drückt heute höchstpersönlich die Knöpfe, um Raketen und Kampfdrohnen auf meine Stadt abzufeuern. Ganz eigenhändig leistet er Schwerstarbeit.

Die Schriftstellerin Olena Sachartschenko, deren Wohnung gänzlich zerstört wurde, beschrieb den Abend vor dem Angriff und wie sie es schaffte, sich rechtzeitig vor dem Einschlag auf den Boden zu legen:

Meine Wohnung, die ich sehr geliebt habe, gibt es nicht mehr. Es fühlt sich irgendwie unlogisch an, als solle es so nicht sein. Am Abend saßen wir noch mit den Kindern zusammen, spielten ein Brettspiel, räumten den Geschirrspüler ein; ich überlegte, ob ich die Blumen vor dem Fenster gießen müsste, und bezog die Betten neu, weil ich Wäsche gemacht hatte. Die Kinder wischten die Böden. Und jetzt – ist alles fort. Es gibt keine Wohnung mehr, keine Bücher, kein Geschirr zu spülen, keine Spiele zu spielen. Ich kann nirgends wohnen. Mein Zuhause wird Stein für Stein zerlegt, Betonplatten werden heruntergenommen, damit sie "den Leuten nicht auf den Kopf fallen“. Und ich kann immer noch kaum glauben, dass ich nie wieder auf dem Sofa sitzen, nie wieder die Bilder und die alte Wanduhr betrachten, nie wieder meinen Kindern in ihrem Zimmer etwas zurufen werde. Das Leben ist abgebrannt und liegt in Scherben.

Die Autorin Tamara Duda über das Geschehen nach dem Angriff:

"Der Hof ist mit Glassplittern von zerbrochenen Fenstern übersät. Die Menschen stürmen hinaus und begutachten ihre Autos im Schein von Taschenlampen.“

Die ohnehin schon schwierige finanzielle Situation der ältesten literaturwissenschaftlichen Einrichtung des Landes hat sich damit noch weiter verschärft

Taras-Schewtschenko-Institut für Literatur in einem Facebook-Post

Institut für Literatur meldet Schäden

Die Räumlichkeiten des Taras-Schewtschenko-Instituts für Literatur der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine wurden ebenfalls durch den Angriff in Mitleidenschaft gezogen. Das Institut meldete Schäden an der Bibliothek, an Buchmagazinen und dem Großteil der Forschungsabteilungen.

"Die ohnehin schon schwierige finanzielle Situation der ältesten literaturwissenschaftlichen Einrichtung des Landes hat sich damit noch weiter verschärft“, teilte das Institut in einem Facebook-Post mit.

Das 1926 gegründete Taras-Schewtschenko-Institut für Literatur ist die führende literaturwissenschaftliche Forschungseinrichtung in der Ukraine und feiert in diesem Jahr hundertjähriges Jubiläum. Seine Sammlung beherbergt mehr als 133 000 kulturell bedeutsame Werke, darunter Manuskripte aus dem 14. Jahrhundert sowie Archivmaterial zu wichtigen Figuren der ukrainischen Literatur und Kultur wie unter anderem Taras Schewtschenko, Iwan Franko, Lessja Ukrajinka und Olha Kobyljanska.

Die Institutsbibliothek umfasst über 200 000 Bücher, Zeitschriften und Archivmaterialien aus dem Zeitraum vom 18. bis zum 21. Jahrhundert. Die Ereignisse wecken neue Besorgnis um den Erhalt des literarischen und kulturellen Erbes der Ukraine in Anbetracht der anhaltenden russischen Offensive.

Weitere Angriffe auf die kulturelle Infrastruktur

Der jüngste Schlag folgt einer Serie von Angriffen auf die kulturelle Infrastruktur der Ukraine. Wie bereits berichtet, beschädigten russische Streitkräfte wiederholt das Gregorius-Skoworoda-Literaturmuseum in der Region Charkiw.

Während des russischen Nachtangriffs auf Kyjiw vom 13. auf den 14. Mai wurden außerdem ein Logistikzentrum des Verlagsunternehmens Ranok und ein Lager von One More Page Publishing beschädigt.