Ausblick Fokustage: Interview mit Digitalexperte Carsten Wehmeyer

"Verlage müssen beim Nutzungsvorbehalt aktiv werden!"

12. Mai 2026
Redaktion Börsenblatt

Im Juni lädt der Börsenverein zu den Fokustagen nach Frankfurt ein. Ein Programmpunkt: Der Nutzungsvorbehalt, um Inhalte vor dem Zugriff der Large Language Modelle zu schützen. Warum ist das so wichtig? Antworten von Digitalexperte Carsten Wehmeyer (VVA/arvato).

Poträtfoto

Carsten Wehmeyer

Gerade beim Nutzungsvorbehalt zeigt sich die enge Verzahnung von Recht und Technik.

Carsten Wehmeyer, VVA arvato und beim Börsenverein ehemaliger Leiter der Peergroup Digitale Distribution in der IG Digital

Auf den Fokustagen des Börsenvereins im Juni werden Sie einen Impulsvortrag zum Thema Nutzungsvorbehalt halten. Was bedeutet Nutzungsvorbehalt eigentlich genau?

Carsten Wehmeyer: Kommerzielle generative Sprachmodelle – sogenannte Large Language Models (LLMs) – wurden in großem Umfang mit urheberrechtlich geschützten Inhalten trainiert, ohne dass dafür die Zustimmung der Rechteinhaber eingeholt wurde.

Auch wenn die rechtliche Bewertung im Detail komplex ist – ich bin kein Jurist -, liegt aus deutscher Perspektive der Verdacht nahe, dass dabei vielfach Urheberrechte verletzt wurden. Im Urheberrechtsgesetz gibt es eine Schrankenregelung, die Text- und Data-Mining (TDM) unter bestimmten Voraussetzungen für kommerzielle Zwecke erlaubt.

Um sich dagegen zu schützen, gibt es die Möglichkeit, eine Nutzung ohne Zustimmung des Verlages zu untersagen; eben einen sogenannten Nutzungsvorbehalt oder TDM-Opt-out zu erklären.

Was sind die Fokustage?

  • Am 11. und 12. Juni lädt der Börsenverein in Frankfurt am Main zu den Fokustagen ein.
  • An den beiden Tagen treffen sich die IG Digital, die IG Nachhaltigkeit und die IG Ratgeber & Reise zu ihren Jahrestagungen.
  • Zum Programm und zur Anmeldung geht es hier. Gäste sind willkommen!

 

  • Veranstaltung mit Carsten Wehmeyer: Donnerstag, 11. Juni, 14.30 Uhr (zusammen mit Jessica Sänger, Börsenverein)
  • Thema: "Der Nutzungsvorbehalt: Wie sich Inhalte vor LLMs sichern lassen"
  • Veranstaltung der IG Digital in Kooperation mit der IG Produktmetadaten

Sie beschäftigen sich schon lange mit dem Thema. Warum?

Carsten Wehmeyer: Das Thema begleitet mich seit mehreren Jahren – sowohl in meiner Rolle im Unternehmen als auch in der Peergroup "Digitale Distribution" der IG Digital. Dort arbeiten wir an Prozessoptimierungen und technischen Standards entlang der Distributionskette.

Gerade beim Nutzungsvorbehalt zeigt sich die enge Verzahnung von Recht und Technik: Das Gesetz verlangt, dass der Vorbehalt ausdrücklich und an "üblicher Stelle" erklärt wird. Doch was heißt das konkret in digitalen Prozessen?

Hier setzen internationale Gremien wie das W3C, das EDRLab und die IETF an, die an maschinenlesbaren Standards arbeiten. Auf dieser Basis haben wir bereits einen Praxisleitfaden veröffentlicht. (Künstliche Intelligenz: Kennzeichnung in ONIX und alles Wissenswerte zum Nutzungsvorbehalt). Aktuell entstehen erweiterte Anforderungen, die ich begleite und deren Ergebnisse in die Branche zurückgespielt werden.

Laut einer Studie der IG Digital haben sich 37 Prozent der befragten Verlage mit dem Nutzungsvorbehalt noch nicht beschäftigt! 

Carsten Wehmeyer

Warum ist das Thema so wichtig?

Carsten Wehmeyer: Wir erleben gerade, wie rasant KI-Systeme auf den Markt kommen. Häufig ist nicht transparent, mit welchen Daten trainiert wurde, und genau das erschwert die Rechtsdurchsetzung.

Erstmals wurde nun in Deutschland Klage erhoben: Die Verlagsgruppe Penguin Random House geht vor Gericht der Frage nach, wie KI mit urheberrechtlich geschützten Werken umgeht. Das zeigt die Brisanz des Themas. Gleichzeitig zeigt sich, dass Aufklärung und pragmatische Orientierung jetzt entscheidend sind – und dass sich laut einer Studie der IG Digital 37 Prozent der befragten Verlage mit dem Nutzungsvorbehalt noch nicht beschäftigt haben (Ergebnisse der KI-Studie 2026 - Börsenverein).

Hier müssen wir aktiv werden, damit die Branche nicht von technischen Fakten überrollt wird.

Was erwartet das Publikum auf den Fokustagen zu dem Thema?

Carsten Wehmeyer: In meinem Vortrag werde ich zeigen, wie sich der Nutzungsvorbehalt konkret umsetzen lässt. Ich möchte praktische Handlungsanweisungen diskutieren: Was können Verlage, Dienstleister und Plattformen heute schon tun, und wo lohnt sich welcher nächste Schritt?

Ergänzt wird mein Vortrag von Jessica Sänger, die beim Börsenverein für europäische und internationale Angelegenheiten zuständig ist. Sie ist sehr nah an den Debatten auf EU- und globaler Ebene und kann aktuelle Entwicklungen einordnen.

Unser Ziel ist bewusst praxisorientiert: Die Teilnehmenden sollen mit einem klareren Verständnis und konkreten Handlungsansätzen aus der Veranstaltung gehen – und idealerweise mit dem Impuls, das Thema im eigenen Haus aktiv anzugehen. Auch für diejenigen, die den Nutzungsvorbehalt bereits umgesetzt haben, bieten wir einen Ausblick auf kommende Entwicklungen:

Ein TDM-Opt-out soll die Auffindbarkeit von Inhalten nicht einschränken. Ziel ist es, Nutzung zu steuern – nicht Sichtbarkeit zu verhindern.

Ein Artikel des Börsenvereins