Lockdown-Tagebuch (13): Martin Schult über Moralkeulen

"Ich schweife ab"

9. April 2020
von Börsenblatt Online
Martin Schult kümmert sich beim Börsenverein um den Friedenspreis, in seinem zweiten Leben ist er Autor. Zu Ostern gibt es bei ihm Grüne Sauce und Lammkeule à la Péter Esterházy, aber keinen Mundschutz. Ein Corona-Bericht der Abschweifungen und Teil 13 unserer "Lockdown-Tagebücher".
Drei Dinge sind passiert …

Gestern im Drogeriemarkt habe ich meinen Nachbarn getroffen. Geheilt vom Coronavirus und gegen erneute Ansteckung immun, hüpft er fröhlich durch die Welt, hilft anderen und sagt zu mir: "Alles wird gut."

So etwas ähnliches hat schon einmal jemand gesagt: "Lebbe geht weider", nachdem die Eintracht 1992 am letzten Spieltag die Meisterschaft verspielt hatte. Aber geht das Leben wirklich einfach so weiter? Wie sieht die Zukunft aus? Um das zu beantworten, muss man sich erst einmal mit der Gegenwart beschäftigen.

Drei Dinge sind passiert: Ich rede seit einiger Zeit mit mir selbst. Ich war gestern im Drogeriemarkt (siehe oben) und habe vergessen, Klopapier zu kaufen (mehr dazu im ersten Lockdown-Tagebuch von Martin Schult). Ich trage keinen Mundschutz. Ich glaube nicht an seine Wirksamkeit, denn ich befürchte eher das Gegenteil. Mit ihm wird der Sicherheitsabstand von einen Meter fünfzig durchbrochen. Das lässt sich jetzt überall beobachten. Aber vielleicht ist das ja auch gut, vielleicht kommt man sich dadurch in diesen Zeiten wieder näher. Nur zum Küssen sind die Dinger nicht geeignet. Es würde sich ziemlich seltsam anfühlen.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum ich ihn nicht trage. Denn ich warte auf den ersten, der mich auf den fehlenden Mundschutz hinweist und ihn als "Moralkeule" missbraucht. Das ist ein ausgesprochen deutsches Wort, doch zusammen mit der "Pflichtübung" ist es das einzige, bei dem ich mit dem, was Martin Walser 1998 in seiner Friedenspreisrede gesagt hat, übereinstimme.

"Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets. Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein ganz normales Volk, eine ganz gewöhnliche Gesellschaft?"

Der Rest – und besonders der letzte Satz – stößt mir auf. Kein Volk ist normal, jedes hat seine eigene Geschichte, und wer sich selbst unter "Verdacht" stellt, agiert damit populistisch – und das hat bei dem Thema nichts zu suchen. Überhaupt werden die Wähler der AfD jetzt hoffentlich endlich merken, was für rechte Phantasten sie gewählt haben. So hat der Berliner Landesvorsitzende dieser Partei Jugendliche und speziell die Klimaschützer von »Fridays for Future« für die Verbreitung des Coronavirus verantwortlich gemacht. Als Beweis hat er ein fünf Monate altes (!) Video geteilt, in dem sich Jugendliche nacheinander einen Lutscher in den Mund stecken. Dabei stammt der Film noch nicht einmal aus Deutschland.

Aber ich schweife ab …

Denn es gibt im Moment etwas, das mir noch mehr Sorgen macht: Morgen ist Karfreitag. Und da der folgende Montag auch ein Feiertag ist, werde ich vier Tage lang nicht ins Büro radeln und fünf Stunden allein dort sitzen und arbeiten können – was für mich zu einer lieben Routine geworden ist, gespickt mit ein paar wenigen Höhepunkten. Vergangenen Montag habe ich die erste Sitzung des Stiftungsrats für den Friedenspreis moderiert. Die Videokonferenz hat besser funktioniert, als ich dachte. Dennoch war ich danach schlagkaputt. Ein Hoch auf die Menschen im Homeoffice, die das täglich machen müssen, manche sogar mehrmals am Tag. Die Folgen: Kopfweh, Nackenschmerzen, trockene Kehle. Ich kann einfach nach Hause radeln und dabei einen klaren Kopf bekommen.  

Ja, ich habe einen Alltag, der sich ein wenig so anfühlt wie der Alltag vor dem Tag, als eine Fledermaus einen Pangolin (das einzige Säugetier mit Schuppen, wie ich gelernt habe) gebissen hat, der lebend auf einem Markt in Wuhan (eine chinesische Kleinstadt mit acht Millionen Einwohnern) verkauft wurde, um als Spezialität auf dem Teller eines Feinschmeckers zu landen und dabei das Coronavirus weiterzugeben – noch so eine vereinfachende Moralkeule und dazu wahrscheinlich noch eine verfälschte.

Um Verfälschungen geht es auch in meinen nächsten Roman, an dem ich endlich wieder schreiben kann, nachdem mich die Pandemie wochenlang daran gehindert hat. Die meisten Protagonisten sind erfunden, einige aber, wie Maria Forescu, haben wirklich gelebt. Die 1875 in Czernowitz geborene Operettensängerin spielte mit 36 Jahren erstmals in einem Film mit, war aber von diesem Medium so fasziniert, dass sie fortan das Singen sein ließ und sich durch ihre mehr als hundert Rollen als leichtgeschürzte Zigeunerin, Bardame oder Bordellbesitzerin einer gewissen Popularität erfreute, bis ihr als gebürtige Jüdin ab 1933 keine Filmrollen mehr angeboten wurden.

1938 wurde Maria Forescu, die mit bürgerlichen Namen Füllenbaum hieß, offiziell aus der "Reichsfilmkammer" ausgeschlossen. Sie versteckte sich für einige Zeit bei einer Freundin in Berlin-Wilmersdorf. Im August 1942 wurde sie verhaftet und sollte ins Ghetto von Riga deportiert werden. Es ist unklar, ob sie je dort angekommen ist, da sie aufgrund einer schweren Krankheit als nicht arbeitsfähig eingestuft worden war. Wahrscheinlich starb sie noch im Herbst 1942 in Berlin eines natürlichen Todes.

Deswegen aber taucht ihr Name nirgends auf, weder in der Datenbank vom Holocaust Memorial Museum noch in der von Yad Vashem. Und somit ist sie auch kein offizielles Opfer des Holocaust. Verrückt, nicht wahr? Über ihr Leben ist leider kaum etwas herauszufinden. Kann ich also einfach etwas dazu erfinden oder laufe ich wie so manch anderer Schriftsteller Gefahr, mit einer verfälschten Biografie dem Menschen nicht mehr gerecht zu werden?  

Ich schweife schon wieder ab …

Das passiert mir in letzter Zeit (seit vier Wochen, um genau zu sein) öfter. Aber das ist kein Wunder, denn uns allen fehlt seitdem ein ganz bestimmtes Ventil. Für mich war das immer die Kneipe um die Ecke, die Jammerbremse heißt, und über die ich schon ein paar Mal geschrieben habe.

Jetzt ist die Kneipe natürlich geschlossen, aber die Stammgäste gehen mindestens drei Mal am Tag an ihr vorbei und ja: Sie jammern. Und nichts kann sie bremsen. Sie schweifen ab, genau wie ich, denn am Tresen haben wir unsere Geschichten immer zu einem Ende bringen können, und sei es im völlig betrunkenen Zustand. Wir haben Koalitionsverhandlungen geführt, Jamaika platzen lassen und eine Partei gegründet: AfEfofE - Alternative für ein freies, offenes, friedliches Europa. Wir wollten eine Alternative zu dieser anderen Alternative sein, aber dann hat Manni, der Wirt, den Schnaps auf den Tresen gestellt und es ist irgendwie im Sande verlaufen.

Jetzt aber …

… schweife ich nicht mehr ab. Wie sieht die Zukunft aus? Die nächsten Tage habe ich schon geplant. Heute am Gründonnerstag radele ich gleich nach der Arbeit nach Charlottenburg. Dort gibt es einen Frischemarkt, der Grüne Soße aus Oberrad anbietet. Ich werde zwei Packungen kaufen und jeden Stängel Schnittlauch und jedes Blatt Sauerampfer einzeln kleinhacken. Damit bin ich den ganzen Karfreitag beschäftigt.

Am Samstag stelle ich mich für ein paar Stunden in die Schlange vor den Drogeriemarkt und kaufe das Klopapier, das ich gestern – "Alles wird gut." – vergessen habe. Und ich schwöre feierlich, dass ich dann nie wieder darüber schreiben werde.

Letztes Wochenende habe ich die Fenster geputzt. Am Ostersonntag werde ich sie nochmals putzen und hoffen, dass wieder diese prächtigen Hollywoodschinken im Fernsehen gezeigt werden – Die zehn Gebote, Das Gewand, vielleicht ja auch Quo vadis? Und am Montag bleibe ich im Bett, weil meine App sagt, dass es dann regnen wird.

Aber am Dienstag, wenn ich wieder fröhlich und egal bei welchem Wetter zur Arbeit radele, wird am Nachmittag irgendjemand, wahrscheinlich Frau Merkel, mitteilen, wann und wie wir wieder in die Normalität zurückkehren können. Unsere Zukunft: Es wird wahrscheinlich irgendetwas zwischen Utopie und Dystopie sein, aber ganz ehrlich? Am liebsten will ich es einfach so, wie es vor der Fledermaus und dem Pangolin gewesen ist. Und bis dahin werde ich einfach weiterhin abschweifen.

Zurück zur Moralkeule …

Eigentlich sollte ich zu Ostern nicht über mich, sondern über jemand anderen schreiben: über Péter Esterházy, der 2004 eine Antwort auf Martin Walser gefunden hat. Esterházy hat sich für die Friedenspreisverleihung zweierlei vorgenommen: Erstens, keine Krawatte tragen und zweitens, in seiner Rede das Wort "Keule" erwähnen. Er hat an jenem Sonntag sehr schick ausgesehen, nur den obersten Hemdknopf hätte er noch öffnen sollen. Aber das Wort "Keule" hat er fünfzehnmal (das muss ich einfach ausschreiben) erwähnt. Hier das schönste Zitat:

"Bei einer Friedenspreisrede stolpern wir sogar bei dem Wort Lammkeule. Klaus Trebes, der große Frankfurter Koch, empfiehlt: Eine Milchkeule hohl entbeinen, bis auf den Haxenknochen, dann eine Paste zubereiten aus Knoblauchzehen, Schalotten, Zitronenthymian, Pinienkernen, Weißbrotbrösel mit Olivenöl, natürlich Zitrone; einen Teil der Paste in den Hohlraum füllen, wo vorher der Knochen saß. Und dann: Die Keule in Form binden, würzen, etc. Also: Die Keule in Form binden!"

Péter Esterházy hat uns Deutsche dafür be-wundert, dass wir es uns nicht leicht machen, und sich gleichzeitig darüber ge-wundert, dass wir es so schwer nehmen. Noch eine Keule, passend zur Krise: "Das ist die Voraussetzung; Mitgefühl und persönliches Erleiden – alle Hände sind unsere Hände, es gibt keine fremden Hände, folglich gibt es keine Keule."

Ich bin jedenfalls unglaublich stolz darauf, wie wir uns der Verbreitung des Coronavirus entgegenstemmen, und das sehr viel freiwilliger, als manche meinen. "Was machst du da?", fragt eine Frau in einer Karikatur ihren Mann, der einfach nur auf dem Sofa sitzt und nichts tut. "Ich rette Menschenleben", antwortet dieser. Ist das nicht das Schönste, was man tun kann?

Und zwischendurch sollte man etwas Gutes kochen. Deswegen der Esterházy. Deswegen das Lamm. Denn gibt es etwas Besseres als eine schmackhafte Keule von einem Tier, das nicht von einer Fledermaus gebissen wurde? Dann kann sie nämlich auch nicht als Moralkeule missbraucht werden.  

P.S. …

Gerade hat mich ein Freund aus dem Frischemarkt in Charlottenburg angerufen, noch so ein verrückter Hesse, der in Berlin gestrandet ist und zu Ostern auf Grüne Soße und Ebbelwoi nicht verzichten kann.

"Es gibt keine Grüne Soße mehr!", hat er ins Telefon gebrüllt. "Und der Laster mit dem Nachschub hat es nicht rechtzeitig über die Landesgrenze geschafft."

So also sieht die Zukunft aus.

Lesen Sie auch Martin Schults erstes Tagebuch vom 25. März - ein Corona-Countdown in Klopapierrollen.

Außerdem in der Reihe "Mein Lockdown-Tagebuch" erschienen: