Interview mit Sebastian Guggolz und Katja Berger

"Das hat für uns Priorität"

12. März 2026
Thomas Koch

Welche strategischen Ziele verfolgt der aktuelle Vorstand des Börsenvereins? Fragen an Vorsteher Sebastian Guggolz und Schatzmeisterin Katja Berger. 

Vorstand Börsenverein 2025

Vorstandstreffen (v. l.): Klaus Kowalke, Branka Felba, Katja Berger, Sebastian Guggolz, Christiane Schulz-Rother, Jo Lendle, Stephan Schierke, Lucia Bornhofen, Alyna Wnukowsky.

Was sind die zentralen Themen, die der Vorstand in seiner Amtszeit angehen möchte?

Sebastian Guggolz: Wir befinden uns in sehr bewegten Zeiten, die gesamte Gesellschaft, nicht nur die Buchbranche, das kriegen wir alle in den Verlagen, Buchhandlungen und in allen anderen Sparten Tag für Tag mit. Da sind etwa die steigenden Kosten für Personal, Miete, Material, Logistik, die schwächelnde Kaufkraft, die schwindende Lesefähigkeit in den nachwachsenden Generationen, die zunehmende Konzentration bei Verlagen wie im Buchhandel …. In dieser stürmischen Lage die Wirtschaftlichkeit unseres Tuns abzusichern, mit den rechtlichen Rahmenbedingungen, für die wir in der politischen Sphäre vehement eintreten müssen – aber auch unsere Lage zu verbessern, indem wir unseren offenen Blick in die Zukunft bewahren und uns für Leseförderung und Bildung einsetzen, darin sehe ich die hauptsächliche Aufgabe des Börsenvereins. Zudem müssen wir unseren eigenen Verband an die modernen Zeiten anpassen, kritisch unter die Lupe nehmen, wo wir bestimmte Abläufe und Strukturen allein aus Bequemlichkeit weiterführen und wo wir dagegen optimieren und verschlanken sollten. Ein wirklich großes Bündel an Aufgaben!

Wie kann der Börsenverein dabei unterstützen, die Wirtschaftlichkeit in der Branche zu stabilisieren?

Katja Berger: Der Erhalt und die Stärkung der Wirtschaftlichkeit in der Branche ist sicher das zentrale Thema der kommenden Jahre. Die Kosten steigen in allen Bereichen, gleichzeitig ist nicht absehbar, dass die Sparneigung der Kund*innen abnehmen wird. Als Verband können wir diese wirtschaftlichen Herausforderungen nicht verhindern oder in die wirtschaftlichen Entscheidungen der einzelnen Unternehmen eingreifen. Aber wir können in vielen Bereichen unterstützen: von der konkreten Rechtsberatung über den Einsatz für starke politische Rahmenbedingungen bis hin zur Entwicklung von Handlungsempfehlungen und dem Erheben und Teilen relevanter Fakten. Die Arbeit der Task Force Wirtschaftlichkeit wird hier weiter den spartenübergreifenden Austausch der Mitglieder untereinander und den Wissenstransfer fördern. Und Veranstaltungen wie die Frankfurter Buchmesse stärken jedes Jahr die Sichtbarkeit und Nachfrage für Bücher.

Porträt von Sebastian Guggolz mit grünem Pulli vor grauem Hintergrund

Sebastian Guggolz

Wir müssen unseren eigenen Verband an die modernen Zeiten anpassen.

Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins

An welchen Stellen wird die politische Arbeit besonders wichtig werden?

Sebastian Guggolz: Ich komme mir manchmal schon vor wie ein Leierkasten – aber die Buchpreisbindung ist ein ständig zu verteidigendes, unschätzbares Gut, das droht, wieder unter Beschuss zu geraten. Von Österreich ausgehend wird für ganz Europa, auch Deutschland, am Europäischen Gerichtshof geprüft, ob mit der Buchpreisbindung das Warenverkehrsfreiheitsgebot sowie die unternehmerische Freiheit im Sinne des Preiswettbewerbs auch über Ländergrenzen hinweg gewährleistet sind. Hier sind wir gerade sehr aktiv, führen politische Gespräche und koordinieren uns mit unseren europäischen Nachbarverbänden. Zudem müssen wir weiterhin für den Abbau von Bürokratie eintreten, etwa was Nachhaltigkeitssiegel angeht, Dokumentationspflichten und so weiter. Da gehen wir mit Rückenwind voran, denn im vergangenen Jahr konnten wir beispielsweise bei der Entwaldungsverordnung, von der Druckerzeugnisse wie Bücher, Zeitungen und Zeitschriften nun aus dem Anwendungsbereich der Verordnung ausgenommen sind, einen großen Erfolg verzeichnen. Und ganz konkret auf die Börsenvereinsmitglieder bezogen: Wir sollten die Schulungsangebote ausbauen, wie unsere Mitglieder sich selbstbestimmt und möglichst schadensfrei durch den bürokratischen Dschungel schlagen können.

Ein großes und daher eigenes Thema ist KI. Wie kann sich der Verband hier in Richtung Politik und Mitglieder engagieren?

Katja Berger: Absolut, KI ist bereits ein strukturprägendes Zukunftsfeld in unserer Branche. Und als Wirtschaftsverband kommt dem Börsenverein eine wichtige Rolle bei der Transformation der Branche zu. Der Verband kann und muss hier zwei Wege beschreiten: politisch bzw. regulatorisch und branchenintern. Auf politischer Ebene gilt es, sich im Schulterschluss mit anderen Verbänden der Kultur- und Kreativwirtschaft weiter für klare Regeln für generative KI einzusetzen. Wir brauchen wirkungsvolle Transparenzpflichten für Anbieter, Anreize zur Etablierung eines Lizenzmarktes und ​eine Vergütung von Kreativen und Rechteinhabern. Daneben wird Medienkompetenz eine Schlüsselvoraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und einen besonnenen Umgang mit Technologien. Diese gilt es zu fördern. Branchenintern wollen wir dort, wo KI als Werkzeug und Instrument nützlich, wertschöpfend und effizienzsteigernd ist, Best Practices und Standards für die Buchbranche entwickeln und verbreiten.

Katja Berger

Katja Berger (ganz rechts)

Dort, wo KI nützlich ist, müssen wir Best Practices und Branchenstandards entwickeln.

Katja Berger

Das Thema Leseförderung ist kein neues. Welche Rolle soll hier der Börsenverein in Zukunft einnehmen?

Sebastian Guggolz: Eine maßgebliche Rolle. Die Lage ist einfach zu dramatisch, als dass wir uns aus der Verantwortung stehlen könnten. Zuerst einmal: Viele Buchhandlungen, also einzelne Mitglieder des Börsenvereins, leisten unermüdlich bewundernswürdige Arbeit mit örtlichen Schulklassen und Kindergärten, kaum mit persönlichem Profit, sondern letztlich profitieren wir alle davon. Darin steckt eine unglaubliche Expertise, Buchhändlerinnen und Buchhändler vor Ort sind enorm wichtig. Als Börsenverein sind wir, was Leseförderung betrifft, auch bereits in vielen Initiativen und Projekten aktiv. Das sollten wir weiter ausbauen: auch bundesweit etwa in Kooperation mit Bildungsstiftungen, die uns mehr Gewicht und Kraft verleihen können. Ergänzend dazu müssen wir bildungspolitische Maßnahmen zur Förderung des Buchs und des Lesens fordern, ob auf Landes- oder auf Bundesebene, und ein stärkeres öffentliches Bewusstsein schaffen für den Ernst der Bildungslage. Ganze Generationen lernen nur unzureichend lesen, was das an Konsequenzen für jedes Kind und letztlich die gesamte Gesellschaft hat, will man sich gar nicht ausmalen.

Die Aktivitäten des Börsenvereins müssen auch weiterhin finanziert werden, und das mit rückläufiger Mitgliederzahl. Wie wollen Sie den Verband finanziell auf die Zukunft vorbereiten?

Katja Berger: Den Börsenverein finanziell so aufzustellen, dass er auch in Zukunft genau diejenigen Leistungen anbieten kann, die die Mitglieder zur Bewältigung der kommenden Herausforderungen benötigen, hat für mich als Schatzmeisterin die höchste Priorität. Wir wirtschaften mit sehr begrenzten Mitteln, Haupt- und Ehrenamt suchen kontinuierlich nach Möglichkeiten, Kosten einzusparen und Prozesse zu verschlanken. Etliche Projekte und Aktivtäten – etwa das umfangreiche Engagement für die Leseförderung, die Buchpreise oder für die Woche der Meinungsfreiheit – werden zum Großteil durch externes Sponsoring und nicht über Mitgliedsbeiträge finanziert. So gelingt es uns, dass Mitglieder grob gesagt für 50 Cent Beitrag 1 Euro an Leistung bekommen. Auch die Ansprache von potenziellen Mitgliedern bleibt wichtig. Im vergangenen Jahr verzeichnete der Verband durch erfolgreiche Akquise 165 Neuaufnahmen – so viele wie in den letzten fünf Jahren nicht.
 

Die Strukturen des Börsenvereins sind in die Jahre gekommen. Die Geschäftsstelle organisiert sich gerade neu. Muss sich auch der gesamte Verband modernisieren?

Sebastian Guggolz: Ja, davon bin ich überzeugt. In den letzten Jahren hat sich viel verändert, von Digitalisierung und KI über Konzentrationsprozesse auf den verschiedenen Feldern bis hin zu veränderten Konkurrenzmedien und Lesegewohnheiten. Das sollte sich auch im Verband widerspiegeln. Wir müssen Strukturen straffen und schlagkräftiger machen, damit wir handlungs- und gestaltungsfähig bleiben. Das betrifft eben nicht nur die Geschäftsstelle, sondern auch alle unsere Gremienstrukturen. Ich bin sicher, dass uns das gelingen wird, die Neuorganisation der Geschäftsstelle kann da sehr hilfreich Modell stehen.

Das ist überhaupt mein Appell: Lasst uns darauf schauen, was wir besser machen können, was alles möglich ist. Wenn wir uns darüber verständigen können, dann haben wir die Veränderung zum Besseren auch selbst in der Hand.

Der Vorstand 2025 – 2028

Vorsteher: Sebastian Guggolz (Guggolz Verlag)
Stellvertreter: Klaus Kowalke, (Buchhandlung Lessing und Kompanie, Chemnitz)
Schatzmeisterin: Katja Berger (HarperCollins)
Stellvertreterin: Lucia Bornhofen (Buchhandlung Bornhofen, Gernsheim)
Schriftführerin: Alyna Wnukowsky (Libri)
Vorsitzende der Fachausschüsse:  Jo Lendle (Verlage), Christiane Schulz-Rother (Sortiment), Stephan Schierke (Zwischenbuchhandel)
Vertreterin der Landesverbände: Branka Felba (LV Nord)
Kooptierte Mitglieder: Birte Hackenjos (Haufe), Ingo Kretzschmar (Thalia)