Mein Lockdown-Tagebuch (15): Joachim Kaufmann über Krise und Chance

"Mit einem blauen Auge aus dem Schlamassel"

14. April 2020
von Börsenblatt Online
Carlsen-Geschäftsführer Joachim Kaufmann bleibt auch in der Krise unerschütterlicher Optimist. Er meint: Von der zu erwartenden Rezession wird das Buch weniger stark betroffen sein als andere Güter. Gleichzeitig gibt es ganz konkrete Gefahren für das Urheberrecht. Teil 15 unserer "Lockdown-Tagebücher", geschrieben von Büchermenschen.

Endlich komme ich dazu, die freundliche Anfrage vom Börsenblatt zu beantworten und ein paar Zeilen zu schreiben. Mein Sohn hat Homeschooling-frei und feiert den 7. Geburtstag eines Freundes. Kindergeburtstag??? Ja, per Zoom-Videokonferenz! Wer hätte sich so was vor vier Wochen vorstellen können …

Also, mein Tagebuch eines exemplarischen Arbeitstages in dieser für mich recht turbulenten Zeit:

7.00 Uhr: Ab in den Park mit unserem Hund, der Home-Office toll findet und den Corona viel weniger interessiert als sein Futternapf und welche Spielkameraden er heute im Park trifft – tut irgendwie gut, diese Normalität und die frische Luft - in dieser doch ziemlich unnormalen Zeit…

8.00 Uhr: Meine erste Videokonferenz mit zehn Unternehmern und Geschäftsführern ganz unterschiedlicher Firmen, virtuelles Frühstück nennt sich so etwas heutzutage. Noch mehr als sonst profitiere ich vom Blick über den Tellerrand hinweg. Wie gehen andere mit der Situation um? Wie organisieren sich größere und kleinere Firmen unterschiedlicher Branchen? Was kann ich mir von ihnen für die eigenen Entscheidungen abschauen? Nach einer guten Stunde denke ich, dass es unserer Branche eigentlich gar nicht so schlecht geht, da habe ich gerade ganz andere Geschichten gehört.

9.30 Uhr: Videocall mit dem Carlsen-Vermieter, der gerade zusätzliche Büroflächen mit spannenden New Work-Ansätzen für uns ausbaut. Ein für uns zentrales Projekt, das kostenseitig aber irgendwie überhaupt nicht mehr in dieses Jahr passt. Nach intensiven Verhandlungen finden wir schließlich einen guten Kompromiss, so dass das Projekt wie geplant weitergehen kann und wir die benötigten Flächen im Herbst beziehen können. Ich bin wirklich erleichtert…

10.30 Uhr: Mehrere Telefonate mit haupt- und ehrenamtlichen Vertretern der IPA (International Publishers Association) und des Börsenvereins. Ich kämpfe darum, dass bei allen notwendigen Sparmaßnahmen die Gelder für politische Arbeit im Börsenverein, in der FEP und der IPA nicht angetastet werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Einflussnahme dieser Institutionen auf nationale und internationale politische Entscheidungen NIEMALS wichtiger war als zu dieser Zeit, in welcher die Politik im Rahmen weitgehender Notregelungen Gesetze zum Wohle der Allgemeinheit im Eilverfahren durchpeitscht.

In Japan wurden so Verlage gezwungen, große Teile ihrer Bücher zu absolut unwirtschaftlichen Preisen digital zur Verfügung zu stellen, in den USA wurden 1,3 Mio. E-Books kostenlos online gestellt. Die Verbraucher hinterher wieder daran zu gewöhnen, dass sie physische Bücher im Einzelhandel kaufen, ist nicht leicht. Selten gab es so konkrete, greifbare Gefahren für das Urheberrecht, das die Grundlage des Geschäfts im Handel wie bei Verlagen ist. Glücklicherweise sehen das alle meine Gesprächspartner genauso...

12.30 Uhr: Bei herrlichem Sonnenschein eile ich kurz um die Ecke, um bei der Buchhandlung Heymann ein Buch abzuholen, das ich am Wochenende bestellt habe. Durch eine kleine Bodenluke zum Kohlekeller wird mir meine Bestellung hinausgereicht. Ich bin zum wiederholten Mal in den letzten Wochen vollkommen begeistert (und sehr dankbar!), wie ideenreich und engagiert der Buchhandel vor Ort mit der Situation umgeht.

13.30 Uhr: Video-Konferenz mit unserem Betriebsrat. Wir berichten von unserer zweitägigen Strategietagung der Geschäftsleitung in dieser Woche. Am ersten Tag haben wir uns mit den notwendigen Sparmaßnahmen aufgrund der Krise, am zweiten Tag aber auch mit möglichen Chancen beschäftigt. Fazit: Strikte Kostenmaßnahmen zur Abmilderung der wirtschaftlichen Corona-Folgen auf der einen Seite, jedoch weiterhin Investitionen in Projekte in die Zukunft. Bei den Einsparungen müssen alle einen Beitrag leisten – und ich bin sehr erleichtert und dankbar für das Verständnis unseres Betriebsrats dafür. In der aktuellen Krise wird deutlicher als je zuvor, wie stark der Zusammenhalt aller Carlsens ist und wie kraftvoll das gemeinsame Bestreben, den Verlag mit einem blauen Auge aus diesem Schlamassel zu führen.  

14.30 Uhr: Eine von mehreren Pitch-Präsentationen für unseren neuen Webauftritt. Nachdem wir zu Beginn der Krise kurz überlegt hatten, ob wir dieses teure Projekt ins nächste Jahr schieben, haben wir uns dagegen entschieden. Wie wichtig der direkte Kontakt zum Endkunden wird, zeigt uns der sprunghafte Anstieg der Besucher unserer (veralteten) Website.

ab 16:30 Uhr: Mehrere Jour fixes mit einigen meiner Abteilungsleiter – wie normal und hochengagiert die Arbeit in deren Abteilungen weiterläuft, begeistert mich jeden Tag aufs Neue. Vor kurzem haben wir alle Mitarbeiter mit Laptops ausgestattet und konsequent Microsoft Teams als Grundvoraussetzung für orts- und zeitunabhängiges Arbeiten eingeführt – das erweist sich im ungeplanten Hardcore-Praxistest als wahrer Segen. Gerade im bilateralen Austausch fällt mir inzwischen gar nicht mehr auf, dass die Gespräche per Videocall und nicht persönlich stattfinden. Bei Meetings mit vielen Teilnehmern ist die Kommunikation ein wenig anspruchsvoller, aber funktioniert auch erstaunlich gut.

Diese Intensiv-Erfahrung ist eine der großen Chancen, die aus dieser Krise bleiben. Manche geschäftliche Reise wird zukünftig vielleicht einmal mehr hinterfragt, Kommunikation kann vielleicht in einigen Fällen intensiver werden mit den technischen Möglichkeiten, Arbeit etwas freier. In der aktuellen Ausschließlichkeit ist es uns oft zu viel, komplette Tage vor dem Bildschirm sind anstrengend. Aber wenn wir dann wieder den persönlichen Austausch haben, werden wir die Einfachheit ortsunabhängiger Kommunikation als echte Bereicherung erleben, glaube ich.

Und an den wöchentlichen Marktzahlen von mediacontrol sieht man auch, dass trotz der aktuellen Distributionskrise das Buch erstaunliche Vitalität beweist. Ich bleibe unverbesserlicher Optimist und glaube daran, dass in einer Zeit, in der Menschen zuhause bleiben müssen, das Medium Buch und das Lesen an Bedeutung gewinnen wird. Und von der zu erwartenden Rezession wird das Buch weniger stark betroffen sein als andere Güter – es war auch in der Vergangenheit nie besonders konjunkturanfällig, weder in Hoch- noch in Krisenzeiten.

Der Virus kam aus China. Und irgendwie finde ich es auf eine Art versöhnlich, dass im Mandarin das Schriftzeichen für "Krise" auch gleichzeitig für "Chance" steht. Wir sollten, finde ich, beide Bedeutungen im Blick behalten.

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