Aus dem Sonderheft Dienstleister: Schrift

Vorsprung durch Typo

15. Juni 2021
von Nils Kahlefendt

Turn by Turn: Die 26. Leipziger Typotage widmeten sich der Schrift als Medium der Orientierung – digital wie analog. 

Eine Karte des Leibniz-Instituts für Länderkunde: Schrift und Typografie sind das »Eingangstor« zu den Informationen der Karte.  

Die »stumme« Schulwandkarte, mit der wir im Geo­grafieunterricht getriezt wurden, lassen wir jetzt mal außen vor. Normalerweise, weiß Jana Moser, sind Schrift und Typografie »das ­Eingangstor zu den Informationen einer Karte« – auch wenn es sich dabei mal um versunkene Königreiche und irdische Paradiese, also erfundene Orte, handelt. Moser leitet am ­Leibniz-Institut für Länderkunde (ifL) die Abteilung Kartografie und ­Visuelle Kommunikation und ist für die analoge und digitale Kartenproduktion des Instituts verantwortlich. Zwar ist Schrift das »Schlüssel­element«, um Karten verstehen zu können – gemessen daran werde sie, findet Moser, »oft recht stiefmütterlich behandelt«. 

Mit ihrem Vortrag bot die Kartografin das ideale Opening der 26. Leipziger Typotage (4. – 6. Juni), die sich unter dem Motto »Turn by Turn. Schrift und Navigation« um Schrift als Medium der Orientierung in digitalen und analogen Kontexten kümmerte. Ursprünglich stand das Thema bereits 2020 auf der Agenda, doch die Gesellschaft zur Förderung der Druckkunst Leipzig e. V., die die Tagung seit 1995 im Leipziger Museum für Druckkunst organisiert, musste sich selbst erst einmal durch die Pandemie navigieren. So war auch die aktuelle Ausgabe ein Novum: Sie fand zwar als Präsenzveranstaltung mit limitierter Teilnehmerzahl statt, konnte aber erstmals auch online verfolgt werden. Videomitschnitte ausgewählter Vorträge gibt es auf dem YouTube-Kanal der Typotage.  

Breites Spektrum

Die Sprecherinnen und Sprecher deckten den Kosmos von Schrift als Navigator in einem staunenswert breiten Spektrum ab. So berichtete etwa Jay Rutherford (Bauhaus-Universität Weimar), wie er in der indischen Fünf-Millionen-Stadt Ahmedabad, in der Straßenschilder weitgehend Fehlan­zeige waren, im Rahmen eines Studierenden-Projekts für Orientierungs­optimierung sorgte. Benjamin Schöndelen, der als Konzepter bei Deutschlandradio auch am Relaunch des ­Senders arbeitet, zeigte, welche mikrotypografischen Besonderheiten die Übersetzung von Audio-Inhalten ins Sichtbare erfordert. 

Auf eine interessante Leerstelle machte Nadya Kuzmina (LucasFonts, Berlin) aufmerksam: Während wir bei Typografie zumeist an Web- oder klassisches Printdesign denken, bleibt die Welt der Videospiele außen vor. Die Interface-Designerin, die 2016 eine experimentelle Schrift für das ­Pixel-Art-Game Mogee entwickelte, zeigte die Herausforderungen für Spiele-Entwickler auf. 

Vorsprung durch Typo? Wie die markenprägende Schrift Audi-Type zu freier Skalierbarkeit geführt wurde, was die neue Markenschrift DFB Sans Bold mit dem Logo des größten ­Sport-Fachverbands der Welt macht, war von Nico Wüst zu erfahren, der bei Strichpunkt (Stuttgart) zahlreiche Branding-Projekte maßgeblich ge­staltet hat. Dass auch die schönste Schrift nichts mehr hilft, wenn die Spitze eines einst stolzen Verbands die Navigation verliert, steht auf einem anderen Blatt. Die Leipziger Typotage haben sich als zeitgemäße Plattform nicht nur für Schrift- und Grafik­design-Aficionados behauptet, das Museum für Druckkunst als äußerst lebendiger industriekultureller Ort.