Aus dem Sonderheft Dienstleister: Verlagsauslieferungen

Ständige Optimierung bei der Auslieferung

16. Juni 2021
von Michael Roesler-Graichen

Intelligente Prozesssteuerung, automatisierte Einlagerung und Kommissionierung, KI-Lösungen für die Personaldisposition – an diesen Stellschrauben drehen die Verlagsauslieferungen, um effizienter und nachhaltiger zu werden.

Planung ist das halbe Lager: Mit wie viel Exemplaren eines Artikels welcher Regaltyp bestückt wird, ist auch bei Verlagsauslieferungen eine wichtige Frage.

»KI« ist in vielen Industrien kein Buzzword mehr, sondern längst Realität. Auch in der Buchbranche gibt es erste Beispiele für Anwendungen, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten – beispielsweise in der Manuskriptbegutachtung oder bei der maschinengesteuerten Erstellung von Literaturübersichten, die Springer Nature in Buchform veröffentlicht.
Bei den Verlagsauslieferungen liegt der Schwerpunkt auf intelligenten Prozessen, auf Automatisierung und Effizienzsteigerung. Aber es sind hier immer noch »Menschen, die die Maschine steuern«, wie Matthias Heinrich, Geschäftsführer von Brockhaus Commission, es formuliert. Es gehe darum, »durch ausgeklügelte und exakt aufeinander abgestimmte Softwaresysteme (EDI, ERP, Lagerverwaltung, Supply-Chain-Technologies …) die Liefer- und Datenströme nach der Logik der Blockchain-Technologie geschlossen abzubilden und umzusetzen«, so Heinrich.

Während der Corona-Pandemie sei es am wichtigsten gewesen, trotz aller Beschränkungen und Restriktionen die Krise als Herausforderung anzunehmen und zugleich in ihr »zu bestehen und zu funktionieren«, betont Heinrich. Es sei auch im Lockdown gelungen, den Workflow in der Auslieferung störungsfrei, kontrolliert und reibungslos zu organisieren.

Trotz Corona seien die Anstrengungen für mehr Nachhaltigkeit nicht in den Hintergrund getreten, auch wenn ein »enorm hoher Anteil an Endkundenbestellungen zu bewältigen« gewesen sei, so Heinrich. Durch CO2-neutralen Versand über DHL und DPD habe BroCom auf der anderen Seite den Ausstoß des klimaschädlichen Gases inzwischen um mehr als 23 Tonnen reduziert; und trotz eines Anteils von 20 Prozent Privatkunden habe man Ver­packungsmaterial einsparen können.

Weitere Investitionen in mehr Nachhaltigkeit seien »die Optimierung ­unserer Blockheizkraftwerksanlage, LED-Leuchtmittel, Plastikvermeidung und Support bei der Cradle-to-Cradle-Kette«, sagt Heinrich und fügt hinzu: »Aktuell bauen wir am Standort mit Anrainern zusätzlich Palettenlager, um die Lagerhaltung örtlich weiter zu zentralisieren. Jeder eingesparte Logistikkilometer auf der Straße ist ein guter Kilometer, weshalb wir die Außenlagermengen stark reduzieren werden.«

Die intelligente Steuerung von Prozessen und die Nachhaltigkeits-Initiativen sind aber nur ein Teil des Transformationsprozesses, den die Verlagsauslieferungen erleben. Von ihren Kunden werden sie zunehmend als Rundum-Dienstleister gesehen. »Unsere Vertriebskooperationen wie Aurora, Forum Independent, UTB und artfolio, aber auch die Einzelverlage erwarten von uns im Onlinegeschäft eine noch intensivere Unterstützung, zu der ­neben der tagesaktuellen Auslieferung auch ein in der Usability für Kunden optimiertes Backend der Onlineshops von der Auftragsannahme bis hin zum Payment gehören«, sagt BroCom-­Vertriebsleiter Hans-Werner Serwe.

Während die Content-Aufbereitung in Shops bei den Verlagen liegt, sind in den Auslieferungen meist Metadaten der Produkte hierfür verfüg- und nutzbar. Die nach dem Verkauf den Verlagen zur Verfügung gestellten Daten für Vertriebsinformationssysteme werden in der Kundenzentrierung immer wichtiger. Das Marketing sei Teil des Verlagsmanagements; in der Auslieferung hingegen sei die datenseitige Aufbereitung der Regelungs- und Steuerungsinformationen angesiedelt, so Serwe.

Matthias Heinrich, Brockhaus Commission

Jeder eingesparte Logistikkilometer auf der Straße ist ein guter Kilometer, weshalb wir die Außenlagermengen stark reduzieren werden.

Matthias Heinrich, Brockhaus Commission

Intelligente Steuerung

Bei Sigloch Distribution in Blaufelden, unweit von Schwäbisch Hall, hat man im Rahmen eines Pilotprojekts schon mit Lagerrobotern gearbeitet, die mit einem Greifarm ausgestattet waren. »Wir haben das Projekt aber wieder auf Eis gelegt, weil die Roboter zu langsam waren und die ganzen ­Prozesse nicht wirtschaftlich«, sagt Christoph Schaupp, seit fast elf Jahren erster externer Geschäftsführer des 1881 als Buchbindereibetrieb gegründeten mittelständischen Fami­lienunternehmens. »Die Schwierigkeit beim Roboter-Einsatz war, dass sie Größe und Position des einzelnen Buchs erst einmal per Kamera scannen mussten, bevor sie es bewegen konnten. In der Buchindustrie gibt es keine standardisierten Buchmaße«, so Schaupp.

Auf die Logistik hat sich Sigloch mit Beginn der 1970er Jahre fokussiert; 1990 wurde dann das Logistikzentrum in Blaufelden aufgebaut. Das Unternehmen ist im Gegensatz zu den Mitbewerbern seit Längerem auch in anderen Branchen unterwegs: unter anderem im Automotivebereich und in der Modebranche – »Felder, die mit der Lagerung von Büchern gut kompatibel sind«, so Schaupp.

Den sehr unterschiedlichen Anforderungen der Kunden aus Publikumsverlagen und Fachmedienhäusern – von der Einzelbestellung eines Backlist-Titels bis zum Großpalettenauftrag für einen neuen Bestseller – versucht Sigloch Distribution durch eine intelligente Prozesssteuerung gerecht zu werden. »Wir kategorisieren die eingehenden Bestellungen in verschiedene Auftragsarten: zum Beispiel den Großauftrag und den Novi-Auftrag, die jeweils über einen bestimmten Prozess abgewickelt werden«, so Schaupp.

Größere Stückzahlen werden per Pick-by-Light-Methode aus den Regalen entnommen, wobei die Zahl der kommissionierten Artikel direkt am Fach angezeigt wird. Belege fallen hier weg. Bei kleineren Einzelbestellungen hingegen wird mit dem »Multi-Order-Wagen« gearbeitet, einem Handwagen mit Elektromotor, auf dem viele Einzelaufträge gebündelt werden. Ein Lagercomputer errechnet in diesem Fall den optimalen Weg, den der Mitarbeiter zurücklegen muss, um die Titel zusammenzutragen.

Über die intelligente Prozesssteuerung hinaus gibt es noch andere Lagerbereiche, die ganz oder teilweise automatisiert sind – so etwa in der Packstraße automatische Kartonaufrichter und -verschließer für Sendungen, bei denen sich dies lohnt.

Stephan Schierke, VVA

Das Besondere am Shuttle-Lager ist, dass auf kleiner Fläche die Vorzüge eines automatischen Kleinteilelagers mit den Karussells kombiniert werden können.

Stephan Schierke, VVA

Automatisierungs-DNA

Auf 60 Jahre Lagerautomatisierung kann die Vereinigte Verlagsauslieferung (VVA) in Gütersloh zurückblicken, heute ein Teil von Arvato Supply Chain Solutions (Arvato SCS). »Automatisierung ist vom ersten Tag an Teil unserer DNA«, sagt Geschäftsführer Stephan Schierke. »Vor 15 Jahren haben wir mit dem Logistikspezialisten SSI Schäfer ein automatisches Kleinteilelager (AKL) für diverse Lagerartikel und zahlreiche Karussellsysteme für mittel- bis schnelldrehende Artikel aufgebaut.« Damit wurden die Wege im Lager deutlich verkürzt und die Schlagzahl erheblich erhöht. Insgesamt gibt es 24 Karussells, die mit je 1 000 Artikeln bestückt sind und die bestellten Bücher direkt an den Arbeitsplatz bringen.

Mit dem 2019 ebenfalls von SSI Schäfer errichteten automatischen Shuttle-Lager wurde die Lagerkapazität noch einmal erheblich erhöht und der Artikeldurchsatz beschleunigt. Pro Jahr werden allein hier 16 Millionen Buchexemplare umgeschlagen; insgesamt können bis zu 40 000 verschiedene Artikel eingelagert werden. »Das Besondere am Shuttle-Lager ist, dass es auf kleiner Fläche die Vorzüge eines AKL mit denen der Karussellsysteme kombiniert«, erläutert Schierke. »Jeder Arbeitsplatz kann mit jedem Artikel bedient werden.«

Der Einbau des Shuttle-Lagers wurde bei laufendem Betrieb vollzogen. »Wir hatten keinen Tag Produktionsausfall«, sagt Harald Horstmann, Bereichsleiter Technik / Logistik bei der VVA. Derzeit wird die ältere Bestandsanlage ­modernisiert, 25 Prozent des Karussell­systems sind jeweils abgeschaltet.

Neben der höheren Flexibilität, die das Shuttle-Lager ermöglicht, fällt auch die Nachhaltigkeitsbilanz besser aus: Der Ressourcenverbrauch ist niedriger, sowohl bei Heizung und Lüftung als auch bei der Energie, die für die Fördertechnik benötigt wird. Und auch die Gesundheit der Mitarbeiter*innen, im Durchschnitt 50 Jahre alt, steht im Fokus: Die fünf neuen Arbeitsplätze im Shuttle-Lager sind ergonomisch so gestaltet, dass unnötige Belastungen vermieden werden können.

Thomas Raff, Zeitfracht GmbH

Es ist notwendig, neben den Erfahrungswerten aus der Vergangenheit auch zusätzliche Datenquellen wie zum Beispiel die Abverkaufsdaten vom Point of Sale, den Onlinetraffic und auch die Suchanfragen in den Webshops für die vorausschauende Planung zu verwenden.

Thomas Raff, Zeitfracht

Verschiedene KI-Lösungen

Mit KI im engeren Sinne beschäftigt man sich bei der Zeitfracht GmbH. »Wir ­arbeiten aktuell an verschiedenen KI-Lösungen in der Zeitfracht Gruppe«, sagt Thomas Raff, Sprecher der Geschäftsführung. »Für die Verlagsauslieferungs-, aber auch für die Barsortimentslogistik haben wir hier vor allem die Personaleinsatzplanung im Fokus, und damit natürlich auch die Optimierung der Durchlauf- und Zustellzeiten.« In den vergangenen 18 Monaten seien die täglichen Bestellvolumen aus den verschiedenen Vertriebskanälen deutlich volatiler geworden, so Raff. »Daher ist es notwendig, neben den Erfahrungswerten aus der Vergangenheit auch zusätzliche Datenquellen wie zum Beispiel die Abverkaufsdaten vom Point of Sale, den Onlinetraffic und auch die Suchanfragen in den Webshops für die vorausschauende Planung zu verwenden.«

Automatisiert wird bei Zeitfracht überall da, wo es Sinn hat: Neben auto­matisierter Wareneinlagerung in automatische Kleinteilelager (AKL) und Hochregallager (HRL) erstreckt sich dies auf die automatisierte Bereitstellung der Ware für die Kommissionierung (Ware-zum-Mensch-Prinzip) und die automatisierten Verschlusstechnik für Packstücke und Mehrwegbehälter.

Wenn die Ware mit den Kurier-Express-Paketdiensten auf die Reise geht, dann hat Zeitfracht die Ware entsprechend vorsortiert, um die Zustellgeschwindigkeit zu erhöhen. »Unsere Routen für den Bücherwagendienst planen wir nach Volumen, Saisonalität, Fahrtstrecke, vereinbarten Anlieferterminen und regionalen Besonderheiten, wie zum Beispiel Inselverkehr nach Sylt«, erläutert Thomas Raff.

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