Mein Lockdown-Tagebuch (18, the end): Stevan Paul über Lernkurven in der Corona-Krise

"Wir haben angefangen, unser System zu hinterfragen"

19. April 2020
von Börsenblatt Online
Stevan Paul ist Foodjournalist und Kochbuchautor. Sein Fazit der vergangenen Wochen: In der Gastronomie und in der Buchwelt gab es einen Kreativitätsschub sondergleichen. Seine Sorge: Dass die Gesellschaft nach Corona einfach so weitermacht wie zuvor. Das Finale unserer Lockdown-Tagebücher.

Am 15. März erwischte ich den allerletzten Rückflug aus Paris nach Hamburg. Am Abend zuvor hatte ich in einem Restaurant zu Abend gegessen, der Taxifahrer erzählte mir auf der Fahrt zum Hotel, dass ab Mitternacht die gesamte Gastronomie in Paris geschlossen werde.

Ich hatte mir schon im Vorfeld Gedanken gemacht, ob ich diese Reise überhaupt noch antreten sollte, ein ungutes Gefühl, wie Schule schwänzen, es war nicht richtig dort zu sein. Ich war dankbar, als wir in Hamburg landeten. Seitdem sitze ich in selbstgewählter Quarantäne zu Hause und das ziemlich privilegiert: Wir haben keine zu beschulenden / schulpflichtigen Kinder, ich bin Homeoffice-erfahren und meine Frau radelt jeden Tag in ihr verwaistes Büro. So schlagen wir dem Lagerkoller ein Schnippchen und freuen uns abends noch aufeinander.

Die ersten beiden Wochen hatte ich noch zu tun. Ich bin freier Foodjournalist und  Kochbuchautor und schrieb in den ersten Tagen viel für Wochen- und Tageszeitungen und auch online über Hamsterkäufe, Krisenkochen, die Möglichkeiten und Chancen einer "Auszeitküche".

Ich war dankbar, darüber schreiben zu können, die erste Hamsterkauf-Welle beobachtete ich mit ungläubigem Staunen: Klopapier, Hefe und Nudeln. Ernsthaft? In den sozialen Medien schrieb ich polemisch: "Habe ich Euch denn so gar nichts beibringen können, mit meinen Kochbüchern!"

"Ein Kreativitätsschub sondergleichen"

Während ich auf allen Kanälen erklärte, warum Geschmack auch in Krisenzeiten seine Berechtigung hat, geriet auch meine kleine Branchen-Welt zunehmend unter Druck. Als Foodjournalist und ehemaliger Koch stehe ich der Gastronomie nahe, als literarischer Erzähler und Kochbuchautor auch der Verlagswelt, dem Buchhandel, den schreibenden Kolleg*innen. Hier wie dort klagte kaum jemand, aus dem Druck der Krise entwickelte sich ein Kreativitätsschub sondergleichen. Neue Ideen, ein kämpferischer Optimismus: jetzt erst recht und auch mal anders!

Und obwohl durchaus sinnvolle Verordnungen uns derzeit von einander entfernen, kommen wir uns doch näher. Netzwerke und Initiativen entstehen, wie etwa "Kochen für Helden" – deutschlandweit organisieren sich da Köch*innen und kochen für die neuen Held*innen des Alltags, für die Menschen, die jetzt in Krankenhäusern, Sozialberufen und Supermärkten weiter für uns da sind. Buchhändler*innen fahren mit dem Fahrrad zum Kunden, Verlage bieten im Netz Live-Lesungen und Talks an. Alles unbürokratisch und mit Freude.

Auch ich begleite diese Entwicklungen, ich unterstütze, berate, empfehle und helfe tätig, wo ich kann und so gut ich kann – wie die allermeisten Menschen in der Krise, die ich kenne. In der Trennung entdecken wir die Gemeinschaft.

Das ist der "Gewinn" aus der derzeitigen Situation: Wir haben angefangen, unser System, unsere Werte und unsere Arbeitswelt zu hinterfragen. Zunächst notgedrungen probieren wir neue Wege und andere Konzepte und stellen oft fest: Gar nicht so schlecht!

"Zur Krise gehört das Erstaunen"

Wir erkennen, dass wir eigentlich nicht zu Meetings und Besprechungen fliegen müssen. Da erholt sich doch direkt mal das Klima – und das Erstaunen darüber gehört eben auch zur Krise. Viele Menschen lernen und verstehen gerade (erst), dass es wichtig ist, kleine Betriebe, Läden, den örtlichen Handel, Künstler*innen und das Nachbarschaftsrestaurant zu unterstützen. Auch in der Politik sind Themen auf dem Tisch, die seit Jahren nur mit der Kneifzange angefasst wurden, wie das bedingungslose Grundeinkommen, ein einheitlich reduzierter Steuersatz von 7 Prozent in der Gastronomie, um nur zwei Punkte zu nennen.

Corona gibt uns die Chance, unsere Gesellschaft zu überdenken, neu zu ordnen. Diese Krise fordert aber auch Opfer, vernichtet Existenzen und Arbeitsplätze, Menschen sterben. Meine Sorge ist, dass wir das alles vergessen, wenn der Virus eines Tages überwunden ist, dass wir die erbrachten Opfer vergessen, ebenso die Chancen. Dass wir weiter machen wie zu vor. Aus Gewohnheit. Aus Bequemlichkeit. Davor fürchte ich mich momentan mehr als vor dem Handscanner meines Postboten.

Über den Autor
  • Stevan Paul ist freier Autor und gelernter Koch und lebt in Hamburg. Er bloggt unter nutriculinary.com, seine Kochbücher erscheinen vor allem bei Brandstätter ("Auf die Hand", "Blaue Stunde")

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