Leipzig liest

Schatzsucher: Independence Days

19. März 2026
Nils Kahlefendt

Unabhängige Verlage sind mutig und risikofreudig, sie sind die Schatzsucher auf der wilden, bunten Seite des Buchmarkts. Bei "Leipzig liest" kommen die Kleinen regelmäßig groß raus.

Symbolbild Independent_Der Schriftzug "Independent" in Großbuchstaben in Sprechblasen, einmal in blau mit weißer Schrift und einmal mit rotem Rahmen, weißem Hintergrund und roter Schrift

Anders als klassische Literaturfestivals ist "Leipzig liest" als Marketingverstärker für den Messeauftritt der Verlage gebaut. Jedem Aussteller steht die Teilnahme am Programm offen. Organisatoren, Veranstaltungspartnern wie Hunderten literaturbegeisterten Helfern in der Stadt verlangt das Groß­ereignis planerisch und logistisch einiges ab. Die Atmosphäre eines Orts möglichst punktgenau mit den Wünschen der Verlage zur Deckung zu bringen – das ist die He­rausforderung, der sich die Macher jedes Jahr neu stellen. Wir haben uns vier Indie-Verlage und "ihre" Locations näher angeschaut. 

Ein Gruppenfoto: Yuka und Olaf Buchheim (jeweils rechts im Bild) mit Nichte und Illustrator Daniele Serra aus Sardinien (vorne) – sowie mit Autor Owen King und Illustrator François Vaillancourt (hinten)

Teamspirit: Yuka und Olaf Buchheim (jeweils rechts im Bild) mit Nichte und IIlustrator Daniele Serra aus Sardinien (vorne) – sowie mit Autor Owen King und Illustrator François Vaillancourt (hinten)

Buchheim: Tanz der Vampire

Wenn die Kreisstadt Grimma, vielleicht zum ersten Mal seit Georg Joachim Göschen (1752–1828), wieder als Verlagsstadt um die Ecke kommt, liegt das an Yuka und Olaf Buchheim. Buchheim war Mitte der 90er Jahre als Austauschschüler in Michigan zu Gast und verliebte sich in die Horror- und Fantasybücher von Christopher Golden, hierzu­lande bis dato nur durch seine Media-Tie-Ins bekannt – Bücher zu Filmen wie "King Kong" und dem "Buffy / Angel"-Universum. Auf die im Herbst 2015 per Facebook gestellte Frage, ob er das ändern wolle, textete Golden mit trockenem Humor: "Olaf, I love the idea of beeing your first experiment." Der Rest ist Geschichte: Zur Buchmesse 2017 erschien "Der Fährmann", Buchheim engagierte da­für den Stephen-King-Übersetzer Bernhard Kleinschmidt und John Howe, einen der großen Tolkien-Illustratoren

Als Chris Golden 2023 sein 30. Autoren-Jubiläum feierte, jetteten die Buchheims, logisch, nach Neu­england – und nahmen Owen King, das jüngste der drei Kinder von Stephen und Tabitha King, unter Vertrag. "Die Kuratorin", sein dritter Roman, erschien 2025 auf Deutsch, und natürlich landete Owen King zur Buchpremiere im Gohliser Schlösschen. Dort lassen die Buchheims heuer im Steinsaal die Vampire los.

"The Buffalo Hunter Hunter" von Stephen Graham Jones wird zwar nicht auf der "Spiegel"-Liste landen, ist aber ein "New York Times"-Bestseller und stand auf Barack Obamas jüngster "Summer Reading List". Bis heute sind im Buchheim Verlag, der von zwei passionierten Lesern gegründet wurde, fast 60 Titel erschienen – eine Geschichte, die man gern in Hollywood verfilmt sehen würde.

Ein Foto von Johannes Klaus und Marianna Hilmer vom Reisedepeschen Verlag

Reisedepeschenverleger: Johannes Klaus und Marianna Hilmer 

Reisedepeschen: Gute Nachbarn

So etwas hat auch in der Buch­branche Seltenheitswert: Johannes Klaus und Marianna Hilmer vom Reisedepeschen Verlag lernten Sara Pütter, deren Buch "Wasser, Felsen, Wut. Mein Weg zu mir durch Kanadas Wildnis" sie heuer beim Outdoor-Spezialisten tapir präsentieren, auf der Leipziger Buchmesse 2024 kennen. Pütter, die als freischaffende Künstlerin und Illustratorin arbeitet, hatte ihren Stand in der gleichen Reihe. 

Johannes Klaus war 2010 auf Weltreise gegangen und gewann für seine Reiseberichte den Grimme Online Award. 2013 wurde aus dem persönlichen Blog die Autorenplattform Reisedepeschen.de, 2018 folgte die von Crowdfunding ge­tragene Verlagsgründung. "Wir haben Bücher vermisst, die wir selbst lesen wollen", sagt Klaus, der als Grafikdesigner seither den Traum vom perfekt gestalteten Buch ausleben kann. Zahlreiche Preise von ADC bis Stiftung Buchkunst zeugen davon. Vier bis sechs Novitäten produzieren die Berliner pro Jahr – Nachhaltigkeit im Reisebuch ist für sie nicht nur ein Wort.

Ein Porträt von Michael Kraus, dem Gründer von M Books

Gründer von M Books: Michael Kraus

M Books: Der einzige seiner Art

Es war nach dem Kulturhauptstadtjahr 1999, als der in Rostock geborene und aufgewachsene Michael Kraus in die Klassikstadt Weimar kam. 2012 startete er mit seinem Promotionsprojekt an der Bauhaus Universität und gründete parallel den eigenen Verlag: M Books war nicht nur die offizielle Abkürzung für "Media Books", sondern hatte, auch international, einen guten Klang, und selbst der "Michael" war, augenzwinkernd, abgedeckt. 2016 brachte Hans Frieden den Verlag bei der GVA unter, heute hat Jessica Reitz M Books in der Tasche.

Zeitgleich mit der Geburt seines jüngsten Kindes verwirklichte Michael Kraus einen lang gehegten Traum: In der Weimarer Marktstraße eröffnete M Books ein Ladenlokal mit angeschlossenem Galerieraum. "Wir sind zwischen Berlin, Frankfurt und München der einzige Laden dieser Art", so Kraus selbstbewusst. 

Zur Messe präsentiert M Books ein Buch, das so heißt wie der allererste "Tatort", nämlich "Taxi nach Leipzig". Anders als damals Kommissar Trimmel ist der Autor, Gunnar Volkmann, gekommen, um zu bleiben. Mit seinem Architekturbüro W & V hat er in drei Jahrzehnten das Stadtbild entscheidend mitgeprägt – nun erklärt er, warum Leipzig als Vorbild für künftige Stadtentwickler dienen kann: "Gäbe es diese Stadt nicht, müsste man sie erfinden."

Ein schwarzweiß Porträt von René Koch, Verleger des Verlags Kopf & Kragen und Autor unter dem Pseudonym Poljak Wlassowetz

Mit Kopf & Kragen: Verleger René Koch alias Poljak Wlassowetz

Kopf & Kragen: Slow Publishing

Nach Leipzig kommt dieser Mann quasi zweimal: Unter seinem Klarnamen ist der studierte Politikwissenschaftler René Koch Gründer des Verlags Kopf & Kragen. Als Poljak Wlassowetz – das Pseudonym basiert auf den ukrainischen Wurzeln des Autors – hat er zwei Romane und das "Manifest für ein gutes Leben" geschrieben.

Jetzt legt er zusammen mit der Malerin Susanne Bonowicz einen neuen Band in der Reihe Resonanzen vor, "Verdichtung" heißt er. Wer glaubt, Koch und Wlassowetz gehört, fein austariert, je eine Hälfte des Tages, ist schief gewickelt: "Tatsächlich ist man mit dem Verlegerdasein mehr eingespannt, als einem oft lieb ist."

Kopf & Kragen, vor vier Jahren in Berlin gegründet, ist klassischer Verlag und Künstlerkollektiv, ein Fall von Selbstermächtigung. Die Gruppe arbeitet häufig an der Schnittstelle von Literatur und Kunst. Ursprünglich wollten die Neugründer komplett auf Print-­on-Demand setzen und das in ihren Augen an "leicht eingestaubten Strukturen" leidende Verlagswesen "komplett neu denken". Im Praxis-Check entdeckte man dann die Vorteile eines funktionierenden stationären Buchhandels; jetzt möchte man mit indie-affinen Partnerbuchhandlungen wie der Buchkönigin oder dem Buchhafen in Neukölln zusammenarbeiten.

Obwohl Kopf & Kragen eine professionelle Auslieferung, schickes Marketingmaterial und eine Vorschau hat, will man sich nicht in die Mühle halbjährlicher Programme spannen lassen. "Die Bücher sollen erscheinen, wenn ihre Zeit reif ist." Slow Publishing nennt es Koch – und die neuen Resonanzen-Bände, fadengeheftet und mit Blindprägung, forcieren das noch: Nicht mehr als 1.000 Exemplare sollen pro Titel erscheinen, ein zukünftiges Sammlerstück. In Leipzig ist Kopf & Kragen (Halle 5, F 110) zum zweiten Mal, die Galerie KK5 kennen sie als Bühne für die Verlagsveranstaltung noch vom vergangenen Jahr: "Tolle Räume, der ideale Ort für uns."

Leipzig: Indies laden ein

Galerie KK5 | Kopf & Kragen
Die Galerie KK5 der Louisoder & Pfefferkorn Stiftung baut eine Brücke zwischen etablierter und junger sowie zwischen bildender und darstellender Kunst. Resonanzen – Wenn Literatur und Kunst einander antworten. Mit Sven Pfizenmaier, Meike Männel, Poljak Wlassowetz und Susanne Bonowicz. 
Freitag, 20. März, 19 Uhr

Canito | M Books
Wer italienische oder spanische Weine, Olivenöle und Antipasti mag, der wird im Canito von Peter Hanss bestens beraten und verköstigt. Durch die Verbindung von Küche und Feinkostladen können Kunden bei der Zubereitung von Speisen dabei sein und bei den freitäglichen Pianostunden oder den Flamenco-­Abenden ins Gespräch kommen. Taxi nach Leipzig. Szenische Lesung mit Gunnar Volkmann und mit Fotos von Christian Rothe. 
Samstag, 21. März, 19.30 Uhr

Oeser Saal | Buchheim Verlag
Der Oeser-Saal des Gohliser Schlösschens gilt als schönster Kammermusiksaal Leipzigs. Schiller war hier in der Sommerfrische zu Gast, und der Hausherr, Professor Johann Gottlob Böhme (1717–1780) verfügte über eine opulente Bibliothek. Das komplett renovierte Kleinod ist ein "Leipzig liest"-Hotspot. Blut & Schokolade Doppel-Deutschlandpremiere zweier Vampirromane von Stephen Graham Jones & Oliver Kern aka Luis Sellano. Samstag, 21. März, 19 Uhr

tapir | Reisedepeschen Verlag
2009 zog der Leipziger Outdoor-Spezialist tapir, der sich zu Wendezeiten in einer LKW-Garage in Möckern gründete, in die City. Der Standort im Erdgeschoss der sanierten Mid-Century-Plattenbauten am Ring ist ein Glücksfall, und Platz gibt′s auf zwei Mal 650 Quadratmetern reichlich: Ihre in die Innenräume verlegte Zeltwiese nennen die tapire einfach "Zeltplatz Mitte". Wasser, Felsen, Wut. Mein Weg zu mir durch Kanadas Wildnis. Lesung mit Sara Pütter. Donnerstag, 19. März, 20 Uhr